Unternehmensinsolvenzen: Warum Unternehmen scheitern

Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig. Daraus zu lernen ist ebenso empfehlenswert wie schwierig. Eine Anleitung.

(© shockfactor.de – stock.adobe.com)
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„Die unternehmerische Landschaft ist bunt, genauso wie die Gründe, warum Unternehmen scheitern”, sagt Andreas Kuckertz, Professor für Unternehmensgründungen und Unternehmertum an der Universität Hohenheim. Sie scheitern, wenn sie Kunden keine marktgängigen Angebote mehr anbieten und den Kontakt zum Kunden verlieren. Auch wenn ein großer Anteilseigner wegbricht, von dem die Firma abhängig war, könne das zum Scheitern führen. „Unternehmen mit einem funktionierenden Geschäftsmodell, das hinreichend innovativ ist und dauerhaft Wert schafft, scheitern nicht”, sagt Kuckertz. Wer das nicht schafft, werde allerdings von Konkurrenten aus dem Markt gedrängt. Dauerhaft auf der Höhe der Zeit zu bleiben könne insbesondere in Zeiten der Corona-Pandemie schwierig sein, wenn sich die Lebensumstände und Bedürfnisse der Kunden stark verändern. Teilweise gibt es auch Einflüsse von außen, auf die Firmen nicht einwirken können. Als Beispiel nennt Kuckertz die Veranstaltungsbranche, die in der Corona-Pandemie in Schwierigkeiten geraten ist. Kodak und Polaroid sind wiederum Beispiele für Firmen, die sich nicht an veränderte Bedingungen in ihren Märkten anpassen konnten. Oft herrsche durch langährige Marktführerschaft die Illusion der Unverwundbarkeit vor und der Fokus liege auf altbewährten Produkten, Denkmustern und Routinen. Ein weiteres Problem sind fragwürdige Geschäftspraktiken. Dies war laut Christoph Seckler, Professor für Entrepreneurship an der ESCP Business School, bei AIG und Enron der Fall. Nachdem dies aufgeflogen ist, verloren sie das Vertrauen der Kunden und Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit. Oft herrschen in diesen Firmen „aggressive Anreizsysteme vor, die das Nutzen von Schlupflöchern belohnen, insbesondere in den Bereichen von rechtlichen und normativen Grauzonen“, so Seckler. Firmen wie Chrysler und Delta Airlines sind an Konflikten mit internen und externen Anteilseignern gescheitert, die sich immer mehr zuspitzten und nicht aufgelöst werden konnten. Diese Konflikte binden wichtige Ressourcen und verhindern Seckler zufolge, dass sich Firmen an sich wandelnde Marktgegebenheiten anpassen. Unternehmen scheitern oftmals auch an ihrer zu aggressiven Expansionsstrategie. So verfolgten beispielsweise Konzerne wie Parmalat und WorldCom diese Strategie, die zu Konflikten mit internen und externen Anteilseignern führte.

Lernen aus Fehlern ist kein Automatismus

„Eine Fehlermanagement-Kultur ist vielleicht eine der wichtigsten Hintergrundfaktoren in Unternehmen“, sagt Seckler. So kann einer Studie zufolge eine bessere Fehlermanagement-Kultur die Standardabweichung der Firmenprofitabilität um 19 bis 23 Prozent anheben. Was hingegen den Lerneffekt aus Fehlschlägen angeht, so ist sich die Forschung Seckler zufolge uneins: Sie regten zwar zum Nachdenken an, allerdings sei das Lernen aus Fehlern kein Automatismus, so Seckler. Das gelinge nur, „wenn die Gründe verstanden werden und das künftige Verhalten verändert wird“. Die gute Nachricht ist: Jede Firma kann aktiv daran arbeiten, eine Fehlermanagement-Kultur zu etablieren“, so Seckler weiter. In dieser Kultur würden Fehler antizipiert und korrigiert. Aus ihnen würde gelernt und es würden auch Fehlerrisiken eingegangen. „Aber gleichzeitig ist es bekanntlich schwierig, die Signale, die zu einer Abwärtsspirale führen könnten, frühzeitig zu erkennen.“ Das Erkennen von Missständen sieht Seckler daher als Aufgabe von allen im Unternehmen an.

Ohne Scheitern keine Innovation

Inwiefern Innovationen mit Scheitern verbunden sind, ist laut Seckler eine interessante Frage. „Innovationen sind per Definition etwas Neues. Und alles Neue ist mit einem Risiko verbunden“, so Seckler. Das bedeutet, vorab wisse man nicht, ob etwas funktioniere oder nicht. Während Innovationen wie Produktverbesserungen oft auch ohne großes Risiko möglich sind, sind „wirkliche“ Innovationen aus Sicht von Seckler kaum vorstellbar, ohne zu scheitern. Als wirkliche Innovationen sieht er beispielsweise neue Produkte wie den mRNA-Corona-Impfstoff an. „Und das Risiko, dass eine solche Innovation nicht funktioniert, ist groß“, erklärt Seckler. Gleichzeitig könne der potenzielle Nutzen enorm sein. Das habe die Entwicklung des mRNA-Impfstoffs gezeigt. „Generell haben Unternehmen eine bestimmte Lebensdauer”, sagt Kuckertz. Gesamtwirtschaftlich müsse das Scheitern also nicht verhindert werden. Denn es gehöre zur Marktwirtschaft dazu. „Die Diskussion um das Scheitern von Unternehmen läuft darauf hinaus, dass wir akzeptieren sollten, dass Scheitern zum normalen Wirtschaften dazugehört, bildlich gesprochen ein Naturgesetz der Wirtschaft ist”, erklärt er. Das heißt aber natürlich nicht, „dass das Scheitern an sich etwas Tolles ist”. Jegliches Scheitern in irgendeiner Form als tolles Erlebnis zu beschreiben wird der Thematik laut Kuckertz nicht gerecht.

Akzeptanz für das Scheitern erhöht sich so langsam

Generell erhöhe sich die Akzeptanz für das Scheitern von Unternehmen aber allmählich. „Dennoch zeichnet sich die deutsche Gesellschaft weiterhin durch ein hohes Maß an Perfektionismus aus”, ist Kuckertz überzeugt. Das sei tief in unserer kulturellen DNA verankert. Auch Seckler ist der Ansicht, dass Scheitern in Deutschland oft stigmatisiert werde. Schnell sei aus einer Person dann „Der, der es nicht geschafft hat“ oder „der Gescheiterte“ geworden. „Hinzu kommt, dass es im Nachhinein immer alle besser wussten und dass ein Scheitern eher der Person zugerechnet wird als der Situation, in der sich die Person befunden hat“, sagt Seckler. Das seien Gründe, die die Angst vor dem Scheitern noch erhöhten. „Aber Leute, die Angst vorm Scheitern haben, werden keine wirklichen Innovationen angehen“, findet er und fügt hinzu: „Wir werden in vielen Bereichen wie dem Klimaschutz wirkliche Innovationen benötigen und das geht nur, wenn wir auch mal den Mut haben zu scheitern.“
Barbara Bocks | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 01/2022