Investmentbanking im Wandel

Corona als großer Motor
Foto: Leungchopan - stock.adobe.com
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Seit jenen Tagen des „Gilded Age“, als ein John P. Morgan im großen Stil Unternehmensanteile erwarb, hat das große Thema Investmentbanking zahlreiche Wandlungen durchlaufen. Auch aktuell befindet es sich in einer erneuten Phase des Umbruchs, nachdem praktisch die gesamten 2010er über nach der Bewältigung der Finanzkrise relativ stabile Verhältnisse geherrscht hatten. Auf den folgenden Zeilen beleuchten wir die aktuellen Veränderungen.

Stellschrauben hinter dem Wandel

Im Investmentbanking wie generell im Finanzsegment wird (tiefgreifender) Wandel selten von innen heraus angestoßen. Dahinter steht der Grund, dass Investmentgeschäfte letztlich ein Spiegel von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen sind. Was in dieser Welt geschieht, wirkt sich letztlich auch auf das Banking aus.

Unter dieser Prämisse gibt es einen großen und mehrere kleine Gründe, die für den jetzigen Wandel ursächlich sind. Den großen Grund dürfte wohl auch jeder Leser in irgendeiner Form zu spüren bekommen haben, die Corona-Pandemie.

Das Virus kam schnell über die Welt und zog mannigfaltige Veränderungen nach sich. Staatliche Maßnahmen hemmten sowohl das Privat- wie Geschäftsleben (und tun es zum jetzigen Zeitpunkt Ende Mai 2021 immer noch). Staaten mussten langjährige Finanzplanungen über Bord werfen. Nicht zuletzt wurde vielerorts auch das Gründungs- und sonstige Geschäftsverhalten nachhaltig ausgebremst – allein alle wirtschaftlichen Folgen der Pandemie aufzulisten, würde den Rahmen dieses Artikels bei Weitem sprengen.

Zusammengefasst sorgte und sorgt die Pandemie für Verwerfungen, die es in einer „normalen“ Phase der Welt ohne eine solche Ausnahmesituation nicht einmal ansatzweise gegeben hätte – an dieser Stelle sei beispielsweise auf den rein Corona-bedingten katastrophalen Absturz der Börsen im Frühjahr 2020 verwiesen, dem anschließend ein gigantischer Run folgte. Nicht umsonst nannte die Neue Zürcher Zeitung es auch „ein Börsenjahr der Extreme“.

Nicht zuletzt war das Virus auch dafür verantwortlich, dass in vielen Unternehmen unterschiedlichster Größenordnungen urplötzlich ein gigantischer Finanzierungsbedarf aufkam, den es ebenfalls in einer normalen Phase nicht gegeben hätte – vor allem die staatlichen Maßnahmen trugen dazu bei, weil sie entweder das bisherige Geschäft verunmöglichten oder dafür sorgten, dass die Kernkompetenz eines Unternehmens urplötzlich besonders verstärkt nachgefragt wurde und Ausbau benötigte. Beispielsweise der Online-Handel.

Doch auch wenn die Pandemie der bedeutsamste Grund ist, warum das Investmentbanking sich derzeit wandelt, so ist sie nicht der einzige:

  • Aktuell und noch bis 2023 wird der letzte Teil von Basel III (tlw. auch als Basel IV bezeichnet) umgesetzt. Er sorgt weiterhin unter anderem durch gestiegene Eigenkapitalquoten dafür, dass Banken weniger investieren können.


  • Die Nachwehen des Brexits mit vielen nach wie vor ungeklärten Fragen sorgen dafür, dass vor allem internationale Unternehmen sich vom Finanzplatz London abwenden. Zahlreiche Banken verlagerten bereits ihre Zentralen oder sind derzeit noch dabei, es zu tun. Deutlich mehr als vor dem Stichtag angenommen.
  • Die EZB ist aktuell wohl ebenfalls dabei, globale Investmentbanken genauer unter die Lupe zu nehmen.. Auch hierhinter steht der Brexit.
  • China ist dabei, sein Bankenwesen zu deregulieren; möchte Banken künftig verstärkt auch Investmentbanking gestatten. Im August wurde es zudem Blackrock erstmals gestattet, im Reich der Mitte einen Investmentfonds zu eröffnen.
Nicht zuletzt muss auch der Amtsantritt von Joe Biden betrachtet werden. Der neue US-Präsident ist ein deutlich stärkerer Regulator als sein Vorgänger, installierte bereits frühzeitig Experten, unter anderem bei der US-Börsenaufsicht.

Investment-Boutiquen werden immer größer

Banken müssen durch die Basel-Regularien immer mehr Eigenkapital vorhalten, können deshalb Kredite längst nicht so frei vergeben. Große Investmentbanken interessieren sich typischerweise aber auch nur für ebenso große Deals im vielstelligen Millionen- oder gar Milliardenbereich.

Diese zwei Tatsachen treffen auf einen Mittelstand, der immer größeren Kapitalhunger hat, diesen aber auf konventionellem Weg nicht stillen kann. Es ist deshalb nur eine logische Schlussfolgerung, dass sich Investment-Boutiquen mit einem reichhaltigen Spektrum an Privat-Equity-Angeboten derzeit in einem noch größeren Aufwind befinden, als sie es schon in den 2010ern taten.

Sie sind es, die derzeit besonders von dem angestauten Finanzbedarf des Jahres 2020 und der ersten Monate von 2021 profitieren. Zahlreiche Projekte benötigen frisches Geld, die Zurückhaltung der schwersten (= unsichersten) pandemischen Monate schwindet allmählich. Wichtige Player dieser Branche fokussieren sich deshalb auf Mezzanine-Kapital und nicht zuletzt den Immobiliensektor. Und, sofern das Thema Impfungen weiterhin erfolgreich verläuft, die Inzidenzzahlen sinken und Einschränkungen weiterhin wie bisher abgebaut werden, sie werden auch in den kommenden Monaten eine weiterhin steigende Rolle spielen.

Künstliche Intelligenz wird zum maßgeblichen Faktor

Die Finanzwelt und die Digitalisierung waren immer schon miteinander verknüpft. Nicht zuletzt entstanden einige der schnellsten Datenübertragungswege aus dem Wunsch heraus, globalen Handel (und hier speziell den Hochfrequenzhandel) noch schneller betreiben zu können.

In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz (KI) in immer mehr Lebensbereiche eindringt, wäre es demzufolge ein höchst unnatürlicher Vorgang, wenn nicht auch das Investmentbanking dadurch beeinflusst würde. Allerdings lässt sich hier speziell für die großen Investmentfirmen nicht nur von einer positiven Entwicklung sprechen:

  • Auf der Haben-Seite steht, dass KI gigantische Datenmengen in sehr kurzer Zeit und mit unbestechlicher Präzision verarbeiten kann. Dadurch werden Risiken transparenter, kontrollierbarer, das Investmentgeschäft insgesamt verbessert.


  • Auf der anderen Seite steht dagegen die Tatsache, dass just KI durch ihre enorme Leistungsfähigkeit die Arbeit von zahllosen Personen in der Branche überflüssig macht. Der sogenannte Job-Futuromat, der vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung betrieben wird, geht beispielsweise für Betriebswirte im Finanz- und Investmentsektor von einer Ersetzbarkeit in Höhe von 50 Prozent aus.
Das Problem hierbei ist, dass im Investmentbanking viele Personen nur damit befasst sind, Zahlen zusammenzufassen, Noten zu erstellen, Vergleiche zu tätigen – alles Arbeiten, die vorzugsweise von künstlicher Intelligenz erledigt werden können.

Wo bereits heute in der Branche auf einen ausgeschriebenen Arbeitsplatz oft tausende Bewerbungen kommen, dürfte sich das Verhältnis künftig noch verschärfen. Nicht zuletzt deshalb, weil dadurch, dass die KI Standardaufgaben übernimmt, das menschliche Personal sich anderen, attraktiveren Aufgaben zuwenden kann, die sicherlich nicht schlechter bezahlt werden, bloß weniger stupide Excel-Kalkulationen beinhalten.

Die Deutsche Bank kehrt wieder zurück

Die Deutsche Bank war selbst Menschen, die nicht in der Szene verhaftet sind, seit Jahren nur für eines bekannt: Verluste, Sparkurse, Negativmeldungen; ein regelrechter „Bad Boy“ und für viele die Personifizierung von allem, was an „der Investmentbranche“ falsch lief.

Dann kam nach mehreren Jahren roter Zahlen jedoch die Pandemie. Und plötzlich wurde das Finanzinstitut zu einem regelrechten Leuchtturm des Geldes, an den sich zahlreiche Firmen und Privatleute in ihrer Not wendeten. Allein 2020 vergab das Unternehmen zahlreiche staatlich geförderte Kredite an notleidende Betriebe und Privatpersonen. Obwohl dieses Geschäft durch die Verpflichtung, mehr Finanzreserven vorzuhalten, nicht sonderlich rentabel ist, sorgte es zumindest für einen deutlichen Image-Wandel.

Hinzu kam die Corona-bedingte Veränderungen an den Kapitalmärkten. Hier wurden urplötzlich deutlich mehr Anleihen und Devisen nachgefragt und gehandelt. Ausgerechnet das zuvor kritisch beäugte Investmentbanking konnte davon profitieren. Zuletzt kam noch hinzu, dass das Institut auch zum Schlüssel für zahlreiche Firmen wurde, die über die Bank zusätzliche Anleihen ausgeben wollten, um ihren Finanzierungsbedarf zu stillen.

Der Erfolg: Nach mehreren Jahren der Verluste machte die Deutsche Bank 2020 einen Vorsteuergewinn von recht genau einer Milliarde Euro. Selbst nach Abzug der Steuern betrug der Gewinn immer noch 624 Millionen.

Diese positive Meldung trifft auf ein Haus, welches eigentlich in seinem seit langem andauernden, tiefgreifenden Wandlungsprozess das Investmentbanking hinter sich lassen wollte – und das auch in den kommenden Jahren noch plant, viele Stellen in anderen Sektoren zu streichen. Der Erfolg könnte dem Kurs Recht geben, diesen mitunter aber auch an manchen Stellen in eine neue Richtung lenken.

Der Boom steht vor der Tür

Der finale Grund, warum sich das Investmentbanking im Wandel befindet, lässt sich ebenfalls nicht erklären, ohne das C-Wort zu benutzen. Denn die Corona-Pandemie ist insofern eine in der jüngeren Geschichte einzigartige Ausnahme, als dass sie der Weltwirtschaft nur „künstliche“ Nachteile aufdrückt. Die geschlossenen Geschäfte, die in manchen Sektoren gesunkene Nachfrage, das alles hat keine marktwirtschaftlichen oder politischen Gründe (ungleich beispielsweise zu Feindseligkeiten, Sanktionen und dergleichen). Anders formuliert: Alles, was die Welt derzeit an Nachteilen erlebt, existiert nur durch ein Virus und den Kampf dagegen. Es werden keine Werte vernichtet, keinen Branchen dauerhaft die Lebensgrundlagen entzogen.

Was viel mehr passiert, ist ein regelrechtes Einfrieren der Zustände. Dies sorgt nach wie vor dafür, dass sich ein gigantischer Druck aufbaut. Beispielsweise haben die Deutschen während der ganzen Corona-Quartale so viel wie noch nie gespart – schlicht, weil sie es nicht ausgeben konnten. Hier zeigt sich das exakte Gegenteil einer gefährlichen Blase. Vereinfacht ausgedrückt musste sich die ganze Welt monatelang notgedrungen zurückhalten. Was passiert, wenn das Virus weitgehend niedergekämpft ist, lässt sich kaum voraussagen. Aber nicht wenige Ökonomen und andere Experten vergleichen es mit der Zeit nach der deutschen Hyperinflation anno 1923: Danach brach sich für mehrere Jahre ein gigantischer Run Bahn, der deutlich länger anhielt und stärker war als die Krise selbst. Bloß dieses Mal weltweit.

Nicht zuletzt JPMorgan ist der Ansicht, dass der Wirtschaft eine langjährige und robuste Wachstumsphase bevorsteht – bei der abermals das Investmentbanking in all seinen Facetten eine maßgebliche Rolle als Geber, Planer und Manager in Sachen Finanzen zukommen wird.

Ausgabe 04/2020