IT-SZENE lockt Talente

„Silicon NRW“ benötigt Power, Unterstützung und Finanzspritzen. Darum müssen die vorhandenen PS besser auf die Straße gebracht werden. Die Digitalwirtschaft muss sich nicht verstecken.
(© ­­­monsitj − stock.adobe.com | © ­­­Tanja Bagusat − stock.adobe.com)
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„Ein Drittel des deutschen Gesamtumsatzes der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) wird in NRW erwirtschaftet. Jeder fünfte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in dieser Branche ist hier angestellt und jedes fünfte IKT-Unternehmen im Bundesland beheimatet. Damit ist unser Land in dieser Zukunfts-Branche bundesweit an der Spitze“, so die sehr selbstbewusst gezogene Bilanz des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie (MWIDE). „Die lebendige Startup- und Gründerkultur und die hohe Lebensqualität locken Talente aus aller Welt.“ Wirtschafts- und Digitalminister Professor Dr. Andreas Pinkwart verweist mit diesem Zitat auf die gute Verkehrsanbindung im Herzen von Europa, eine flächendeckende Breitbandinfrastruktur, exzellente Hochschulen sowie Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen. Nordrhein-Westfalen sei Digitalstandort und könne auf eine vielfältige Landschaft von Start-ups, Mittelständlern und großen Konzernen zurückgreifen. Auch wenn der Vergleich mit Silicon Valley als weltweiter Inbegriff für eine erfolgreiche Innovations- und Gründerszene zu gewagt ist, will sich das größte Bundesland an Kalifornien orientieren: „Innovation Valley NRW“ heißt die Idee der neuen Zukunft. Der Traum vom „Silicon NRW“ sei Ansporn, mit führenden Regionen einigermaßen Schritt zu halten, aber auch einen eigenen Weg in die digitale Zukunft zu gestalten, folgert Daniel Brans, Geschäftsführer des IT-Verbandes „networker NRW“. Da aber für Innovationen deutlich weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen als in den internationalen Hotspots, sollte ein Fokus auf das Thema Nachhaltigkeit im Sinne belastbarer Entwicklungen gelegt werden: „Politik sollte hier mehr ‚dienen‘, als einen Selbstzweck zu verfolgen, um die bereits vorhandenen PS besser auf die Straße zu bringen.“ Ziel müsse es dabei sein, die Metropolregionen Rhein und Ruhr als Backbone für ein innovatives, wirtschaftsstarkes und lebenswertes NRW zu nutzen, argumentiert Brans.

Nachholbedarf ist erkannt

„Die Digitalwirtschaft in NRW muss sich sicher nicht verstecken und leistet in Größe und Innovationskraft auch einen wesentlichen Beitrag zum Strukturwandel in den ehemaligen Montanregionen.“ Daniel Brans wertet somit positiv, dass in NRW der Nachholbedarf bei der Infrastruktur- und Breitbandabdeckung sowie bei der Nutzung digitaler Lösungen in Kommunen, Bildung und Unternehmen erkannt worden sei. Im Bereich der Nutzung digitaler Lösungen, aber auch bei der IT-Sicherheit sei durch gezielte Förderprojekte des Landes das Defizit aktiv angegangen worden, um die bereits etablierten digitalen HUBs und die vernetzte Hochschul- und Forschungslandschaft zu ergänzen. „Hier werden die gewachsenen Ballungszentren, die kulturelle Vielfalt und die vorhandene Breite an Bildungseinrichtungen und Unternehmen bereits sinnvoll genutzt. Als Startup-Standort bietet das Land ein gutes Biotop, das durch viele Initiativen und Anlaufstellen Innovation befeuert und junge Unternehmen in der Region verankert“, so der Netzwerker überzeugt, dessen Verband sich als Partner der digitalen Wirtschaft versteht.

Taktgeber für Innovationen

Mit technologischen Umbrüchen kennt sich Nordrhein-Westfalen schließlich aus. Die Industrialisierung hat keine andere Region in Deutschland so stark verändert wie die an Rhein und Ruhr. „Nun erleben wir erneut einen technologischen Umbruch, der zu großen Veränderungen führt; schon heute berührt der digitale Wandel die Menschen überall. Alltagsroutinen ändern sich bei Einkauf, Mobilität, Freizeitplanung, Kommunikation und Medienkonsum. Neue Geschäftsmodelle entstehen, alte kollabieren. Kein Wirtschaftszweig, der sich nicht anpassen muss, während zugleich mit der Digitalwirtschaft eine in vielerlei Hinsicht neue Branche entsteht“, so die Landesregierung, die insbesondere auch auf eine gute digitale Infrastruktur setzt. Ende 2020 konnten 75 Prozent der Haushalte auf Anschlüsse mit Bandbreiten von mindestens 400 Mbit/s und 66 Prozent der Haushalte auf gigabitfähige Anschlüsse zurückgreifen. Damit liegt NRW mit an der Spitze der Flächenländer. Aber es geht um mehr: „Um weiterhin Taktgeber für Innovation zu bleiben, brauchen wir digitale Fachkräfte und die schlausten Köpfe“, heißt es in Düsseldorf. Mit seinen großen Industrieunternehmen und Hidden Champions verfüge Nordrhein-Westfalen über beste Zugänge zu den digitalen Wachstumsmärkten der Zukunft.

Schwerpunkte statt Reibungsverlust

„Das Metropolpotenzial wird zu wenig genutzt und dadurch werden deutliche Reibungsverluste verursacht. Lokale Aktivitäten stehen teilweise noch in Konkurrenz zueinander, statt gemeinsam durch Etablierung fachlicher Schwerpunkte die Ressourcen zu bündeln und mit gemeinsam entwickelten Standards und Formaten Synergien zu nutzen. Hier steht die Lokalpolitik dem Willen und Selbstverständnis der Wirtschaft häufig noch im Weg“, mahnt Daniel Brans an. In der Bildung fehle der Unterbau in Sachen Informatik-Grundverständnis und digitalem Denken. „Dieser wird zu langsam nachgezogen und es fehlen schulische Anstöße, frühzeitig digitale Wege zu erkunden, die über die reine Technikanwendung im Kommunikationsbereich hinausgehen“, was der „networker“-Geschäftsführer als Mängel sieht, weshalb er politische Anstrengungen fordert: „Fehlende Geräte und Netzanbindung sind da nur die Spitze des Eisbergs. Berufsfachschulen, Hochschulen und Ausbildungsbetriebe haben hier im Nachhinein zu viele Lücken zu stopfen.“

Einmaleins der Digitalisierung

Dazu sei erforderlich, dass Infrastruktur und digitale Bildung in frühen schulischen Stadien, die über die reine Nutzung von Technologien hinausgingen, unbürokratisch ausgebaut würden. „Benötigt wird dafür ein Grundverständnis für Algorithmen, Datenstrukturen und technische Komponenten. Kombiniert mit einer Sensibilisierung für einen bedachten Umgang mit Daten und Medien ist dies das kleine Einmaleins der Digitalisierung.“ Mittelfristig müssten sich die Metropolregionen für eine effizientere Wirtschaftsentwicklung und eine gewichtigere überregionale Bedeutung etablieren, ist Daniel Brans überzeugt. Hilfreich sei dabei, dass der Aufbruch in die digitale Zukunft nicht bei null starte. Allein in den vergangenen zehn Jahren entstanden rund 1.500 junge Firmen, die ihr Geld mit digitalen Prozessen verdienen. Mit dem Abbau bürokratischer Hürden, einem starken Investorennetz und mehr digital ausgebildeten Fachkräften soll NRW ein noch attraktiverer Standort für Unternehmensgründungen sowie für neue digitale Geschäftsideen werden. Reinhold Häken | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 04/2021