Vorreiter werden

Wie auch Ihr Unternehmen ein digitaler Vorreiter werden kann.
(©  cpdprints – stock.adobe.com)
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Große Veränderungen kommen bekanntlich oft schleichend, sodass man sie kaum bemerkt, bis sie eines Tages, scheinbar schlagartig und unumkehrbar, harte Realität geworden sind. Können Sie sich erinnern, als Angela Merkel sagte, dass bis 2020 eine Million E-Autos auf Deutschlands Straßen fahren sollten? Vor zwei Jahren haben wir sie dafür noch ausgelacht. Im August 2021 kam es jedoch dazu. Die eine Million E-Autos war erreicht. Wir alle hatten diese Veränderung nicht ernsthaft kommen sehen. Doch irgendwann war es so weit. Realität. Unumkehrbar. Mit allen Konsequenzen für die Zulieferindustrie mit Zehntausenden Unternehmen und rund 800.000 Beschäftigten in Deutschland. Bei der Digitalisierung ist es genauso. Seit Jahrzehnten erobern immer mehr digitale Lösungen unser Leben. Doch bislang liefen die Veränderungen eher gemächlich ab. Hier eine neue Browser-Funktion, dort eine neue App oder eben Zoom statt Konfi. Doch mehr und mehr zeichnet sich ab, dass die Innovation nicht linear verläuft, die Veränderungen also nicht gleichbleibend groß sind, sondern exponentiell ansteigen. Also zunächst schleichend, dann aber mit einem großen Hammer daherkommen.

Was also tun?

Sofern Sie noch kein digitaler Vorreiter sind, sollten Sie schnellstmöglich versuchen, einer zu werden. Doch leider gibt es keine mustergültige Jetzt-sofort-digital-Strategie. Vielmehr muss jeder Unternehmer versuchen, seinen eigenen Weg zu finden. Dabei möchten wir unsere Leser ein wenig unterstützen: mit interessanten Artikeln, tollen Rankings und der einen oder anderen hoffentlich hilfreichen Idee. Im vorliegenden Artikel finden Sie gewissermaßen eine Bedienungsanleitung für diese Ausgabe. Sollten Sie einen Artikel nicht im vorliegenden Magazin finden, so finden Sie ihn unter www.regiomanager.de. Wagen wir zunächst einen Blick in die Branche.

Dynamisches Wachstum

Der Markt der ITK-Unternehmen wächst überaus dynamisch. Dabei wird die Branche der Informations- und Kommunikationstechnologie (ITK) von kleinen Playern dominiert. Mehr als 70 Prozent machen weniger als 250.000 Euro Jahresumsatz, so der Branchenverband Bitkom. Und der Markt wächst: Waren es 2014 bundesweit noch 22.753 Unternehmen, so waren es 2019 bereits 28.453. Rund 20 Prozent davon stammen übrigens aus NRW, was unser Bundesland zu einem bedeutenden IT-Standort macht. Verbunden mit großen Hoffnungen auf die Vision des Silicon NRW, wie Daniel Brans, Geschäftsführer des NRW-Digitalverbands Networker NRW im Artikel „IT-Szene lockt Talente“ ausführt. Einige gelungene Projekte finden Sie im Artikel „Digitale Diener made in NRW“.

Hohe Bedeutung für Strategie

Viel spricht dafür, dass der Markt auch weiterhin wächst. So hat nicht zuletzt die Corona-Krise dafür gesorgt, dass inzwischen 88 Prozent der Unternehmen den wirtschaftlichen Nutzen der Digitalisierung spüren bzw. nur noch zwölf Prozent am Nutzen zweifeln, so eine Umfrage des Branchenverbands Bitkom. Unsere eigene kleine Umfrage von Ende August 2021 unter Kunden und Lesern des REGIO MANAGER kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Demnach hat die Digitalisierung für 83,5 Prozent der befragten Unternehmen eine hohe oder sehr hohe Bedeutung für die Unternehmensstrategie. Keine Bedeutung: lediglich 1,6 Prozent.

Viel zu viele Vorreiter

Immerhin 61,3 Prozent der Befragten sehen ihr Unternehmen (eher) als digitalen Vorreiter. Nur 12,9 Prozent würden dieser Einschätzung nicht zustimmen. Zu einem noch deutlicheren Ergebnis kommt die Studie „Digitale Vorreiter im Mittelstand“. Mit Studienautor Professor Dr. Kai Bühler von der Rheinischen Fachhochschule Köln haben wir uns für diese Ausgabe unterhalten. In der Studie schätzen sich immerhin 90 Prozent der befragten Unternehmer als digitaler Vorreiter ein. Da aber – um der Bezeichnung „Vorreiter“ gerecht zu werden – maximal zehn Prozent als „Vorreiter“ gelten sollten, haben wir in beiden Befragungen entweder eine Auswahl absolut herausragender Unternehmen oder aber eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Passend hierzu stellt die Studie Digitalisierung 2020 der Staufen AG fest, dass erst elf Prozent der befragten Unternehmen ihre Digitalisierungsstrategie erfolgreich umgesetzt haben, knapp 46 Prozent sind in der Umsetzungsphase und 40 Prozent haben noch nicht einmal angefangen. Wir können also festhalten, dass wir alle miteinander gerne Vorreiter wären, es aber sehr wahrscheinlich (noch) nicht sind.

Der Weg der Vorreiter

Wie die Studie Digitale Vorreiter im Mittelstand herausfand, nutzen 86 Prozent der digitalen Vorreiter eine zweiteilige Strategie. Diese fokussiert sich sowohl auf die Schaffung von Kundenerfahrung (CX = Customer Experience) als auch auf Operative Exzellenz (OX = Operational Excellence). Diese Strategie ist also sowohl effektiv (sie tut das Richtige = spricht Kunden an) als auch effizient (sie optimiert Prozesse). Im Idealfall orientiert sich diese Strategie an den Kernkompetenzen des Unternehmens und setzt sowohl auf radikales Neudenken als auch auf externe Kompetenzen. Mit diesen und weiteren Erkenntnissen dieser höchst interessanten Studie befassen wir uns im Artikel „Erfolgsgeheimnis der Vorreiter“. Auch wir haben in unserer kleinen Umfrage einen Fragenblock zum Thema Digitalisierungs-Fokus eingebaut. Demnach werden IT-Infrastruktur, Online-Marketing und Operative Exzellenz jeweils von über 50 Prozent der Befragten genannt. Die Schaffung von Kundenerlebnissen kommt hingegen nur auf 37,7 Prozent. Der Vorreiter-Studie folgend haben die Teilnehmer unserer Umfrage hier einen blinden Fleck: Um digitale Vorreiter zu werden, sollten sie einen stärkeren Fokus auf die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Kunden legen.

Warum das Mindset wichtig ist

Digitalisierung ist mehr als nur IT-Anwendungen. Betrachten wir die digitalen Vorreiter im Silicon Valley, so stellen wir fest, dass diese unzählige Programmierer beschäftigen und digitale Geschäftsmodelle erschaffen, die die Welt umkrempeln. Dabei übersehen wir jedoch nur allzu gerne, dass die Software nur ein Randaspekt ist. Der eigentliche Kern der Digitalisierung ist das Mindset, das den Kundennutzen in den Vordergrund rückt, den Chef zum Sklaven seiner Mitarbeiter degradiert und jeden Irrtum als Chance zum Lernen frenetisch feiert. Wir haben unsere Kunden und Leser befragt: Nur jedes sechste Unternehmen nutzt demnach diese Methoden ganz bewusst, um die Digitalisierung voranzutreiben; ein Viertel immerhin teilweise. 60 Prozent nutzen die Methoden also überhaupt nicht. Falls Sie nun zu den 30 Prozent gehören, die nicht einmal wissen, was es mit Design Thinking, Scrum oder OKR auf sich hat, so haben wir die wichtigsten Tools für Sie zusammengetragen im Artikel „Die Tools der Vorreiter“. Und seien Sie versichert: Diese Methoden sind keine Raketenwissenschaft. Vielmehr handelt es sich um recht simple Konzepte, die man nur umzusetzen braucht. Was allerdings ebenso viel Disziplin erfordert wie die Umsetzung der Neujahrsvorsätze und daher vermutlich ebenso häufig scheitert. Ein Modell stellen wir übrigens etwas ausführlicher vor: das Business Canvas. Damit werden (digitale) Geschäftsmodelle ausgestaltet und auf Herz und Nieren geprüft, bevor größere Investitionen getätigt werden (siehe Artikel „Bock auf Canvas?“).

Wille-Fleisch-Paradox

Was bei unserer eigenen Umfrage auffällt, ist ein Phänomen, das wir als Wille-Fleisch-Paradox bezeichnen möchten: Der Wille ist stark, doch das Fleisch ist schwach. So führen 49,1 Prozent der Befragten fehlendes Know-how der Mitarbeiter an, warum es mit der Digitalisierung des eigenen Unternehmens nicht wie gewünscht vorangeht. Hingegen wird mangelndes Know-how der Geschäftsführung nur von 21,8 Prozent der Befragten genannt; mangelnde Zeit von 74,6 Prozent. Diese drei Aussagen könnte man auch so zusammenfassen: Wir Chefs wissen, wo es langgeht, aber unsere Mitarbeiter nicht. Und um alles selbst zu machen, fehlt schlichtweg die Zeit. Liebe Unternehmer: Ihr müsst das nicht alles alleine schultern! Schult Eure Mitarbeiter! Da gibt es inzwischen ganz hervorragende Lernkonzepte, die hybrid aufgebaut sind, also Präsenzunterricht mit Online-Lernen verbinden und sich daher ganz ausgezeichnet in den Arbeitsalltag integrieren lassen (siehe Artikel „Hybrid und selbstbestimmt“). Die weiteren Antworten könnte man auch so zusammenfassen: Wenn weder Ideen Mangelware sind noch Geld fehlt noch Digitalisierungspartner größere rechtliche Bedenken haben und die Geschäftsführung weiß, wo es hingehen soll, dann sollte es doch eigentlich keinen Grund geben, nicht voll digital durchzustarten. Und, ganz ehrlich, „zu wenig Zeit“: 74,5 Prozent, das ist eine Ausrede. Das ist der innere Schweinehund. Wenn schon die Rede von Schwächen ist: Hier sollten wir es mit Management-Legende Peter F. Drucker (1909–2005) halten, der den Losspruch ausgab: „Stärken stärken, Schwächen irrelevant machen“. So sollten Sie es übrigens auch mit dem Thema Cyber-Sicherheit halten (siehe unseren Artikel „10 Tipps für IT-Sicherheit“): Hier müssen Sie sicher aufgestellt sein, da es Ihnen sonst das Genick brechen könnte – fokussieren sollten Sie sich aber auf Ihre Stärken!

Widerstände nicht unterschätzen

Ein weiteres interessantes Ergebnis unserer kleinen Umfrage betrifft das Mindset. Dieses wird nur von 12,7 Prozent der Befragten als Grund angeführt, warum es im eigenen Unternehmen mit der Digitalisierung stockt. Dabei ist gerade das Mindset einer der Sollbruchstellen im Digitalisierungsgeschäft. Denn es müssen alle Mitarbeiter mitziehen, damit eine tiefgreifende Veränderung – wie etwa die Digitalisierung – gelingt. Nicht umsonst gehört das Change Management zu den Grundzügen jeder Management-Ausbildung. Bei der Digitalisierung kommt erschwerend mit hinzu, dass diese ganz wesentlich auf den agilen Methoden basiert. Das bedeutet, dass nicht nur ein neues Programm bedient werden muss, sondern ganz grundlegend die Art und Weise der Zusammenarbeit neu definiert wird. Gerade für Chefs ist die neue Situation schwierig, so die Digitalisierungsexperten Yvonne Eich und Christian Sögtrop im Artikel „So kommen alle an Bord“. Denn anstatt den Takt vorzugeben, sollen diese jetzt nur noch ihren Angestellten dienen. Verrückte Welt.

Erfolge messen nicht vergessen!

Im Fitnesscenter ist der eingehende Fitnesscheck zu Beginn einer Trainingsperiode selbstverständlich. Denn nur so lässt sich eingangs zuverlässig feststellen, wo die größten Defizite bestehen, und abschließend beurteilen, ob das Training erfolgreich war und an welcher Stelle gegebenenfalls nachgebessert werden muss. Das Gleiche gilt für Digitalisierungsprojekte, so Gérard Richter im Interview „Fitnesscheck zu Anfang“. Auch hier müssten Status quo und die späteren Zustände gemessen und bewertet werden. Bei der Digitalisierung erzielten jedoch die oft nur schwer quantifizierbaren „weichen Hebel“ wie Arbeitsmethoden oder Managementansätze oftmals eine höhere Rendite als die eigentliche Technologieänderung. Bei unserer kleinen Umfrage zeigt sich, dass die Erfolge der Digitalisierung nur von 17,7 Prozent der Unternehmen intensiv gemessen werden und somit noch große Vorreiter-Potenziale ungenutzt bleiben.

Kosten und Risiken

Überall dort, wo Standardlösungen nicht greifen, müssen individuelle Lösungen programmiert werden. Wer sein Unternehmen digitalisieren möchte, ist schnell mit mehreren Zehntausend oder auch mehreren Hunderttausend Euro engagiert. Dies macht die Wahl des richtigen Dienstleisters zu einer großen Herausforderung. Zumal die meisten Unternehmer in Sachen Digitalisierung recht unerfahren sind. Immerhin hat unsere kleine Umfrage ergeben, dass 82,3 Prozent der Befragten bislang keine größeren Digitalisierungs-Hereinfälle erlitten haben. Was Sie tun können, um die Pitfalls (englisch = Fallen) der Dienstleistersuche zu umschiffen, erläutert Christine Kreye im Interview „How to find IT“. Damit nicht genug: Ist der passende Dienstleister gefunden, verbleiben noch zahlreiche weitere Fallstricke, denen wir uns im Artikel „Die sieben größten Fehler bei der Digitalisierung“ widmen. Trotz der hohen Kosten wird der Hinderungsgrund „zu teuer“ nur von jedem dritten Befragten genannt. Dies ist erfreulich. Auch Vater Staat bietet diverse Möglichkeiten an, wie sich Unternehmen ihre Digitalprojekte fördern lassen können, wie etwa „go-digital“, „Digital Jetzt“ oder den „ERP-Digitalisierungs- und Innovationskredit“ (siehe den Artikel „Digital mit Starthilfe“ in dieser Ausgabe). Es sind jedoch nur vergleichsweise wenige Unternehmen, die derartige Programme nutzen. Ein Grund hierfür mag sein, dass die Umsetzungsphase eines Projekts erst starten darf, wenn die Genehmigung erfolgt ist. Wenn diese nach zwei Monaten erfolgt, mag dies noch vertretbar sein. Wenn es aber länger dauert, wird die gut gemeinte Förderung zum Digitalisierungs-Verhinderungs-Programm. Dies gilt insbesondere dann, wenn schon die Zulassung zur Bewerbung per Verlosung vorgenommen wird, wie beim Programm „Digital Jetzt“. Große Unternehmen sind auf die zur Diskussion stehenden 10.000 oder 20.000 Euro nicht angewiesen. Kleinere Mittelständler benötigen zwar das Geld. Doch hier muss sich der Chef oft noch persönlich um die Förderanträge und das produktive Arbeitsverhältnis zu den Digitalisierungspartnern kümmern. Dies mag erklären, warum die meisten Unternehmen das Geld dann lieber doch nicht in Anspruch nehmen. Vielfach lässt sich die Digitalisierung aber auch mit vergleichsweise kleinem Geldbeutel bestreiten. Damit werben zumindest die Low Code- bzw. No Code-Ansätze sowie die RPA (Robot Processing Automation). Diese Technologien versprechen, weitgehend auf Code zu verzichten, wodurch es möglich wird, Digitalisierungsprojekte in deutlich kürzerer Zeit und weitgehend ohne den Einsatz nativer Programmierer zu realisieren. Wie das funktioniert? Lesen Sie im Artikel „In Zukunft Low Code?“. Bei all dem Hype um die Digitalisierung ist es sehr beruhigend zu wissen, dass selbst die Digitalisierungspropheten unserer Zeit voraussagen, dass Nullen und Einsen auch zukünftig Nullen und Einsen sein werden. Dass der Mensch und Unternehmer durch die Digitalisierung also nicht überflüssig wird, wohl aber Art und Weise des Unternehmertums sich unterscheiden wird. Und vielleicht auch die Akteure. Dass aber mehr denn je Kreativität und Innovationskraft von Bedeutung sein werden. Wie gemacht für den deutschen Mittelstand.

Dr. Maximilian Lange | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 04/2021