Astronauten trainieren mit Virtual-Reality-Software

Bauchkribbeln inklusive.
Großhandel – der Handel hinter dem Einzelhandel (Foto: ©endostock  – stock.adobe.com)
Großhandel – der Handel hinter dem Einzelhandel (Foto: ©endostock – stock.adobe.com)
Der Countdown läuft, die Triebwerke zünden – und die Rakete hebt ab. An Bord des neuen CST-100 Starliner-Weltraumshuttles reisen zwei Astronauten und mehrere Wissenschaftler zur Raumstation ISS. Damit unterwegs jeder Handgriff sitzt, haben sie jahrelang trainiert – u.a. mithilfe einer Virtual-Reality-Software, die das Unternehmen Blue Tea aus der niederländischen Grenzprovinz Limburg entwickelt hat. Im Gespräch mit dem NIEDERRHEIN MANAGER beschreibt Geschäftsführer Ton Bongers die heutigen Möglichkeiten von Virtual Reality und wagt einen Blick auf künftige Entwicklungen.

NRM: Schulungssoftware für angehende Astronauten: Was muss man sich darunter vorstellen? 

Ton Bongers:
Bisher mussten Astronauten für jedes NASA-Training nach Houston reisen. Mithilfe von Simulationssoftware können sie überall auf der Welt in einem virtuellen Cockpit Platz nehmen. Sie schließen einen PC an, setzen eine Virtual-Reality-Brille auf und befinden sich im nächsten Moment an Bord des Weltraumshuttles. Sie können dabei alle Tätigkeiten trainieren, die sie ansonsten im Original in Houston üben müssten, Notfallszenarien inklusive. Eine perfekte Ergänzung zum realen Training.  

NRM:
In welchen anderen Bereichen werden solche Schulungsprogramme eingesetzt?

Ton Bongers:
Vor allem im Maschinenbau, der Medizintechnik, der Automobilindustrie und der Prozessindustrie. Konzerne wie Bayer oder ThyssenKrupp setzen auf Virtual Reality. Das Ziel besteht darin, die Mitarbeiter, die in Werkshallen arbeiten, auf Gefahren hinzuweisen – hier ragen Streben hervor, dort kann sich eine verborgene Luke öffnen, hinter der nächsten Ecke befindet sich eine Stolperfalle. Es gibt viele Gefahrenquellen, die man auf den ersten Blick übersieht.

NRM: Reicht dafür nicht ein Sicherheitsfilm?

Ton Bongers:
Den Effekt, den das virtuelle Erleben mit sich bringt, kann man mit einem Schulungsfilm oder einer PowerPoint-Präsentation niemals erzielen. Man muss die Gefühlsebene der Menschen erreichen. Das funktioniert nur über Erlebnisse.     

NRM: Was kann man denn nachempfinden?

Ton Bongers:
Den Fall von einer Leiter beispielsweise kann man in der Realität nicht trainieren, außer man ist Stuntman. Virtuell ist das aber möglich. Sogar das dazugehörige Kribbeln im Magen während des Falls kann ausgelöst werden. Wer das einmal „erlebt“ hat, sei es auch nur virtuell, vergisst das Gefühl nie wieder. Das führt zu erhöhter Aufmerksamkeit am Arbeitsplatz.   

NRM: Was sind die nächsten Schritte in der Entwicklung?

Ton Bongers:
Bei den Astronauten kann bislang die Schwerelosigkeit noch nicht nachempfunden werden. Das ist das nächste Ziel. Zudem arbeiten wir daran, dass sich künftig mehrere Menschen gleichzeitig in demselben virtuellen Raum bewegen können.      

NRM: Gibt es für solche Projekte überhaupt genug Spezialisten?

Ton Bongers:
Da der Markt wächst, wird es schwieriger, gute Profis zu finden. Unser Team besteht derzeit aus Software-Ingenieuren, Entwicklern und 3D-Künstlern. Daneben setzen wir bei Bedarf auch auf freie Mitarbeiter.  

NRM:
Wie bleiben Sie selbst auf dem neuesten Stand der Technik? 

Ton Bongers:
Wir arbeiten eng mit Universitäten und Forschungseinrichtungen zusammen, natürlich auch in Deutschland. Das Fraunhofer-Institut und die RWTH Aachen sind nur zwei Beispiele. Dafür ist unsere Lage an der Schnittstelle zwischen Holland, Belgien und Deutschland ideal.

NRM: Ihre Firma befindet sich „in the middle of nowhere“. Müssten Sie nicht in einer IT-Metropole sitzen?

Ton Bongers:
Nein, unser Standort ist kein Problem. So wie die Astronauten nicht mehr nach Houston reisen müssen, brauchen wir uns nicht im Silicon Valley anzusiedeln.

NRM: Wie kommt denn ein kleines Unternehmen aus dem Limburger Dorf Ittervoort an eine Kooperation mit Boeing und anderen Global Playern? 

Ton Bongers:
Dafür müssen wir kurz zurückblicken: Unser Mutterunternehmen Stepco hat 2005 eine spezielle serverlose IT-Infrastruktur für Schulen entwickelt – wir waren damals Pioniere im Cloud Computing. Für dieses Projekt wurde Stepco in Las Vegas mit einem Innovationspreis von Hewlett-Packard ausgezeichnet. Auf diese Weise wurden wir international bekannt und kamen in Kontakt mit Boeing. Seit 2014 ist Blue Tea als eigenständiges Unternehmen mit dem Schwerpunkt Virtual Reality aktiv. Der Kontakt zu Boeing blieb natürlich bestehen.

NRM: Haben solche Weltkonzerne nicht eigene Spezialisten dafür?

Ton Bongers:
Sie besitzen sogar eigene Abteilungen. Aber wir als kleines Unternehmen können flexibler agieren. Außerdem haben wir eine sehr intelligente Software dafür entwickelt.  

NRM: Mit welchen Kosten muss man für solche Trainingsprogramme rechnen?

Ton Bongers:
Grob gerechnet geht es im mittleren fünfstelligen Bereich los. Ob der Preis für ein Unternehmen teuer ist, hängt immer von der Zahl der zu schulenden Mitarbeiter ab. Hat das Unternehmen 100 Kandidaten, betragen die Kosten vielleicht 500 Euro pro Kopf, bei 10.000 Mitarbeitern nur noch fünf Euro.   

NRM: Das heißt, Astronauten-Trainings sind im Verhältnis ziemlich kostspielig.

Ton Bongers:
Genau, aber eine Reise ins All ist ja auch etwas Besonderes … und eine sehr reale Erfahrung.
Ausgabe 08/2017