Wirtschaftsförderungen: Von nichts kommt nichts.

NRW ist das leistungsfähigste Bundesland der Republik. Die hiesigen Wirtschaftsförderungen tragen dazu bei, dass dies auch in Zukunft so bleibt.
Veranstaltungen als Kontaktbörse für Unternehmen, öffentliche Institutionen und Start-ups (Foto: ©bilderstoeckchen – stock.adobe.com)
Veranstaltungen als Kontaktbörse für Unternehmen, öffentliche Institutionen und Start-ups (Foto: ©bilderstoeckchen – stock.adobe.com)
Nordrhein-Westfalen ist mit 18 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands. Entsprechend hoch ist auch der Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP). 2019 lag es laut IT.NRW bei 711 Milliarden Euro, womit Bayern (633 Milliarden Euro) als zweitstärkstes Bundesland deutlich auf die Plätze verwiesen wird. Ganz am Ende der Tabelle steht übrigens Bremen mit gerade einmal 33 Milliarden Euro. Auch innerhalb Europas ist NRW ein bedeutender Wirtschaftsstandort. So kamen die Niederlande 2017 mit 737 Milliarden Euro BIP auf Rang 6 im EU-Vergleich – das ist ziemlich genau den Wert von NRW. Zu dieser wirtschaftlichen Stärke sicherlich beigetragen haben die zahlreichen Wirtschaftsförderungen in NRW, die getragen werden von Gemeinden, Städten, Unternehmen und Verbänden. An dieser Stelle möchten wir Ihnen die Struktur und Aufgaben der Wirtschaftsförderungen in NRW vorstellen.

Organisationsstruktur

Regelmäßig befragt das Beratungsunternehmen ExperConsult Wirtschaftsförderungen. Demzufolge waren 2019 genau 38 Prozent der 250 Wirtschaftsförderungen, die an der Umfrage teilgenommen haben, privatrechtlich organisiert. Beinahe die Hälfte der Wirtschaftsförderungen ist für eine kreisangehörige Kommune zuständig. Die Gesellschaften in NRW sind in dem Verband der Wirtschaftsförderungen und Entwicklungsgesellschaften in NRW, dem VWE, organisiert. Hier sind seit April 2019 85 Mitglieder vertreten. Der Bundesverband, der Deutsche Verband der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaften, der DVWE, setzt sich wiederum aus 135 Wirtschaftsförderungsgesellschaften aus 14 Bundesländern zusammen. Darüber hinaus gibt es in NRW die landeseigene Wirtschaftsförderungsgesellschaft NRW.INVEST mit Sitz in Düsseldorf. Zusätzlich gibt es noch den Zusammenschluss regionen.NRW, ein Zusammenschluss der neun regionalen Entwicklungs- und Marketingorganisationen in Nordrhein-Westfalen: Region Aachen, Bergisches Städtedreieck, Region Düsseldorf – Kreis Mettmann, Region Köln/Bonn, Münsterland, Standort Niederrhein, Ostwestfalenlippe, Metropole Ruhr sowie Südwestfalen.

Zahnloser Tiger?

Diese übergeordneten Wirtschaftsförderungen haben – wie auch die der Kreise – einen inneren Konflikt auszuhalten. Denn sie werden (zumindest teilweise) getragen über die einzelnen Städte und Gemeinden samt ihren Wirtschaftsförderungen. Daher verbietet es sich meist, für konkrete Standorte zu werben – und damit gegen andere Standorte im eigenen Gebiet. Gerade im Ruhrgebiet, wo elf kreisfreie Städte und 42 kreisangehörige Städte und Gemeinden in vier Kreisen den Regionalverband Ruhr bilden, der die Wirtschaftsförderung metropoleruhr (wmr) trägt, kennt man das Problem. Noch immer gibt es hier das berühmte „Kirchturmdenken“, das dem lang ersehnten Zusammenschluss von ÖPNV, Stadtwerken und ganzen Gebietskörperschaften entgegensteht. Kein Wunder, dass die wmr auf der EXPO REAL zwar mit einem der größten Stände vertreten ist, sich gleichzeitig aber eher zurücknimmt. Denn sie ist nur die Klammer, die die Region in der Immobilienwelt nach außen repräsentiert. Welcher asiatische Investor hätte denn schon mal von Bochum oder Fortsetzung von seite 16 Gelsenkirchen gehört? Ähnlich macht es die Südwestfalen Agentur, die die Region erfolgreich mit Slogans wie „Wir sind der Hammer“ als Region der Weltmarktführer bekannt gemacht hat.

Finanzielle Unterstützung

Eine lokale Wirtschaftsförderung hat verschiedene Aufgaben, die eines zum Ziel haben: die wirtschaftliche Situation des Standorts zu stärken, bestehende Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen. „Als Wirtschaftsförderung sind wir keine Unternehmensberatung und greifen auch nicht in den freien Markt ein“, berichtet Markus Helms, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Kreis Soest GmbH (wfg). Vielmehr gehe es darum, Unternehmen bei gegenwärtigen Fragestellungen zu unterstützen und für zukunftsrelevante Themen zu sensibilisieren. „Bei vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen, die stark mit dem Tagesgeschäft beschäftigt sind, statt sich mit zukünftigen Strategien zu beschäftigen, geht es auch um die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells“, berichtet Helms. In Zukunft werde diese Serviceleistung, samt Workshops, Online-Seminaren und persönlichen Beratungsangeboten, immer wichtiger.

Netzwerke bauen

Eine wesentliche Aufgabe der Wirtschaftsförderungen ist es, die lokalen Akteure miteinander zu vernetzen – etwa auf Veranstaltungen oder im Rahmen von Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Auch wird der Austausch zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups gefördert, um Tradition und Innovation zusammenzubringen. Kooperationen mit benachbarten Kommunen stärken die gesamte Region. Start-ups haben naturgemäß einen großen Beratungsbedarf rund um die Themen Finanzierung, Förderprogramme sowie diverse sonstige Anliegen während der gesamten Gründungsphase. Wie flexibel und agil Wirtschaftsförderungen aufgestellt sein können, konnte man gerade erst im Zuge der Corona-Pandemie feststellen. Binnen kürzester Zeit hatten die Wirtschaftsförderungen Unmengen wichtiger und hilfreicher Informationsangebote bereitgestellt – ob als regulären Web-Content, Video-Tutorials oder Videokonferenzen.

Platzbedarf stillen

Jedes Unternehmen braucht Platz, für Büros, Produktions-, Werks- oder Lagerhallen. Die Königsdisziplin der Wirtschaftsförderungen ist daher die Vermittlung – und teilweise auch Entwicklung von Industrie- und Gewerbeflächen. Die Anforderungen der gewerblichen Mieter sind hochgradig divers und entsprechend komplex. Eine passende Fläche zu finden ist von daher gar nicht so einfach. Denn gerade im gewerblichen Bereich müssen viele Punkte berücksichtigt werden, darunter Größe, Zuschnitt, Anbindung an Schiene, ÖPNV, Autobahn und Internet, Altlasten, Grenzwerte bei Lärm- und Schadstoffemissionen, Preis für Kauf, Miete oder Pacht, Verfügbarkeit, Bauvorschriften und vieles mehr. Glücklich können sich da die Wirtschaftsförderungen schätzen, die mit Flächen, Infrastruktur und weichen Standortfaktoren wie Familienfreundlichkeit, Bildungssystem et cetera punkten können. Denn ohne neue Flächen wird es schwer, das Wachstum bestehender Unternehmen zu begleiten oder neue Akteure anzusiedeln. Manch eine Wirtschaftsförderung macht über Jahrzehnte einen tollen Job, kann seine besten Gewerbesteuerzahler jedoch nicht halten, weil schlicht der Platz fehlt. Dies betrifft die teils sehr beengte Lage in den Tälern Südwestfalens ebenso wie die weiten Flächen des Niederrheins, wo Kreuzkröten oder andere bedrohte Tierarten für eine ganz eigene Verfügbarkeitsdynamik sorgen können. In diesem Zusammenhang ist auch das Standortmarketing zu nennen. Schließlich sollen nationale und auch internationale Unternehmen über die Region begeistert werden. Entsprechend international kann sich die Arbeit der kommunalen Wirtschaftsförderer gestalten. So gehören Besuche auf den internationalen Gewerbeimmobilienmessen EXPO REAL oder MIPIM fast schon zum Pflichtprogramm der Wirtschaftsförderer.

Digitalisierung meistern

Für die Digitalisierung der Arbeitswelt gilt es Rahmenbedingungen zu schaffen, damit auch kleine und mittelständische Unternehmen mit der Zukunft Schritt halten können. Hier ist politische Lobbyarbeit ebenso gefragt wie ein breites Repertoire an Veranstaltungen, Informations- und Fördermöglichkeiten. Dabei reicht das Spektrum der Fragestellungen vom Internetauftritt eines Kleinunternehmers bis zur künstlichen Intelligenz im produzierenden Gewerbe. Hier kann eine ausreichende Breitbandversorgung schon mal eine kritische Voraussetzung für eine Ansiedlung sein. Doch wo alle Akteure – die Unternehmer ebenso wie die Wirtschaftsförderer – noch viel hinzulernen müssen, kommt es sehr stark auf den zwischenmenschlichen Austausch von Ideen an. Und genau das ist die Domäne der Wirtschaftsförderungen in NRW: Brücken bauen, Allianzen schmieden und intelligente Lösungen finden. Karin Bünnagel | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 04/2020