Nachfrage wird wieder steigen

In Zeiten von Kontaktbeschränkungen waren flexible Bürogemeinschaften mit Fremden nicht mehr gefragt. Das wird sich aber langfristig wieder ändern.
Co-Working-Spaces sorgen für Austausch von Ideen unter den Mitarbeitern (©  DisobeyArt  – stock.adobe.com)
Co-Working-Spaces sorgen für Austausch von Ideen unter den Mitarbeitern (© DisobeyArt – stock.adobe.com)
Gemeinschaftliches Arbeiten in Co-Working-Spaces lag seit mehreren Jahren im Trend. Dann kam 2020 die Corona-Pandemie und die Nachfrage ist stark eingebrochen. „Gegenüber dem Jahr 2019 ist der Umsatz 2020 um rund 75 Prozent zurückgegangen“, sagt Alexander Fieback, Teamleiter bei Bulwiengesa AG. „Die Vertragsabschlüsse im Jahr 2020 wurden vor allem im ersten Quartal und vor allem in Berlin und weniger in den anderen sieben großen deutschen Metropolen geschlossen“, so Fieback weiter. „Richtig gestartet ist die Idee in Deutschland so um das Jahr 2005 herum in Berlin. Das erste Co-Working-Space war eigentlich ein Café mit kostenlosem WLAN“, sagt Wolf-Nicolas Henkels, Mitgründer des Co-Working-Space „codeks“ in Wuppertal. „Diese Idee hat sich dann über die Jahre im gesamten Land verbreitet und wurde um verschiedene Dienstleistungen für die Mitglieder erweitert“, so Henkels weiter.

Büroservices sind Co-Workern wichtig

Als Dienstleistungen sind Büroservices sowie Vernetzungs- und Kooperationsangebote für die Teilnehmer eines Modellprojekts des Forschungsinstituts für innovative Arbeitsgestaltung und Prävention e.V. (FIAP) in Co-Working-Spaces unbedingt notwendig. Mehr als 90 Prozent der Teilnehmer erwarten laut des Projekts u.a. Schließfächer, Räume für vertrauliche Gespräche, eine Lounge und einen Konferenzraum. Anfang 2018 hat das FIAP, gefördert durch das Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes NRW, das Realexperiment CoWin gestartet, um zu prüfen, ob Berufspendlerinnen und -pendler das Arbeitsmodell „Co-Working“ nutzen, um lange Strecken zu vermeiden. Dazu hat das Institut in den Co-Working-Spaces NewWorkLab in Gelsenkirchen und im Designhaus Marl jeweils zehn Co-Working-Plätze angemietet. Insgesamt haben sich laut Angaben des FIAP bislang 46 Beschäftigte aus 19 Firmen, darunter die GLS Bank und Evonik, am Modellprojekt beteiligt. Sie wohnen in der Regel in der Nähe der Co-Working-Spaces, arbeiten aber u.a. in Düsseldorf, Essen, Duisburg oder Bochum. 60 Prozent der Gelsenkirchener Probanden gaben dabei an, den Co-Working-Arbeitsplatz besser oder viel besser als das eigene Homeoffice zu bewerten. Jedoch würde nur einer von drei Teilnehmern den Co-Working-Platz dem betrieblichen Büro vorziehen. Ähnlich sah die Einschätzung bei den Teilnehmern aus Marl aus.

Zwei Arten von Co-Workern

Alexander Hnatyk, einer der Geschäftsführer von collective.ruhr, der Ende 2018 im Essener Szeneviertel Rüttenscheid einen Co-Working-Space startete, hat festgestellt, dass es in der Region zwei Mentalitäten gibt: „Auf der einen Seite gibt es viele Freiberufler, bei denen das Konzept angekommen ist und die einen flexiblen oder festen Arbeitsplatz im Open Space mieten, und auf der anderen Seite eine Gruppe von Menschen, die Co-Working ganz cool finden, aber denen ein eigenes Büro innerhalb des Co-Workings dennoch wichtig ist.“ Generell gebe es strukturelle Unterschiede zwischen den Regionen und Städten. „Die Szene in Berlin ist wesentlich internationaler. Dort gibt es viele digitale Nomaden, die oft nur für ein paar Tage vor Ort sind und dann weiterziehen. In anderen Städten wie bei uns hier in Wuppertal etwa ist der Bedarf nach festen Arbeitsplätzen wesentlich größer“, sagt Henkels. „In den meisten Großstädten in Deutschland gibt es weiterhin wenig Leerstände bei Bürogebäuden und daher wird die Nachfrage nach Co-Working-Spaces bestehen bleiben“, ist Fieback überzeugt. Vor allem Unternehmen werden aus seiner Sicht in der aktuellen wirtschaftlichen Lage eher kurzfristig eine größere Anzahl an Tischen in Co-Working-Spaces anmieten, als beispielsweise einen festen Fünf-Jahres-Büro-Vertrag abzuschließen. „Daher entwickeln sich auch immer mehr Co-Working-Spaces weg von großen Räumen mit vielen Tischen hin zu abschließbaren Räumen und pandemiekonformen Raum- und Bewegungskonzepten“, so Fieback weiter.

Businesscenter sind bei Firmen beliebt

Gerade Businesscenter und Hybridlösungen, die in Richtung Serviced Office gehen, sind Fieback zufolge bei Großunternehmen sehr beliebt, die mitunter bis zu 100 Tische auf einmal anmieten. „Mit Unternehmen generieren die Anbieter von Co-Working-Spaces den Großteil ihrer Erträge, weniger mit der Vermietung einzelner Tische“, erklärt Fieback. Während Konzerne Co-Working-Spaces beispielsweise für temporäre Projektteams nutzen, nehmen kleine und mittelständische Unternehmen diese weniger in Anspruch. Dabei könnten Workshops oder Strategiemeetings aus Henkels‘ Sicht im externen Umfeld eines Co-Working-Spaces sinnvoll sein. „Spannend ist das auch für Innovationsprojekte, wo sich ein Team bewusst aus dem eigenen Unternehmensumfeld herauszieht für kreative Prozesse“, so Henkels weiter. „Von den sieben größten Städten in Deutschland hat Düsseldorf den größten Büroleerstand und daher auch die geringste Co-Working-Dichte im Gegensatz zu Köln, wo freie Büroflächen rar sind“, sagt Fieback. Jedoch hätte es auch in Köln kürzlich bereits Konsolidierungstendenzen gegeben. „Flächen, die von Projektentwicklern angemietet wurden, wurden zurückgegeben“, so Fieback. Das betreffe u.a. Regus und wework in Düsseldorf. Hier gehe es um Flächen bis zu 20.000 Quadratmetern.

Co-Working auf dem Land bleibt eine Nische

Mit Blick in die Zukunft prophezeit Henkels dem Co-Working-Modell eine weitere Professionalisierung. Gerade in den größeren Städten wird gleichzeitig der Konkurrenzkampf größer, zumal die nutzbaren Flächen knapper werden. Innovative Konzepte, um aus diesem Wettbewerb hervorzustechen, sind dann gefragt. Einer dieser Trends ist das Co-Working im ländlichen Raum. „Zum einen, weil es auch dort viele Unternehmer gibt, die sich vernetzen wollen, und man einer Landflucht vorbeugen will, zum anderen, weil es Bedarfe von City-Co-Workern nach Arbeiten im Grünen gibt“, erklärt Henkels. Um Berlin herum gibt es beispielsweise das Coconat, einen Gutshof in einem 43-Seelen-Dorf, oder die Wehrmühle, eine in einem Naturpark gelegene Dependance des Berliner Co-Working-Anbieters St. Oberholz. Auch am Rande des Ruhrgebiets entstehen solche Orte, etwa das Cubes Wesel. Aus Sicht von Fieback werden Co-Working-Spaces in ländlichen Gebieten allerdings eher eine kleine Nische bleiben. „Derzeit gibt es Ideen bei Projektentwicklern, die das Thema Homeoffice aufgreifen für so genannte Third Places, also Co-Working-Spaces an dezentralen Standorten, sodass Mitarbeiter weniger pendeln müssen, aber in einer professionelleren Umgebung arbeiten können als im Homeoffice“, erklärt Fieback. Diese Idee sei aber „noch ganz neu und wird erst erprobt“.
Thomas Corrinth + Barbara Bocks | redaktion@regiomanager.de ¶

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