Gewerbe-Architektur: Ästhetischer Anspruch ist Chefsache

Herausragende Beispiele gelungener Gewerbe-Architektur findet man in deutschen Städten leider immer noch viel zu selten. Im Spannungsfeld zwischen Funktionalität und Repräsentation wünscht man sich oft mehr architektonische Finesse.

Infinity Office, Düsseldorf (© Max Leitner (pinkarchitektur GmbH & Co. KG, Düsseldorf))
Infinity Office, Düsseldorf (© Max Leitner (pinkarchitektur GmbH & Co. KG, Düsseldorf))
Gibt es in Ihrer Heimatstadt auch einige dieser Gebäude, die die Blicke magisch anziehen, weil sie entweder historischen Charme versprühen oder durch ihre moderne Kühnheit beeindrucken? Architektonische Hingucker also! Bauwerke prägen den Charakter eines Ortes in ganz besonderer Weise, sodass man oft an generellen, stilistischen Unterschieden Rückschlüsse auf ihre Region ziehen kann. Allerdings befinden sich die stilprägenden und beeindruckenden Gebäude zumeist in den Innenstädten oder sie liegen so versteckt, dass sie drohen, in der Einheitlichkeit langweiliger Architektur unterzugehen, die es bedauerlicherweise viel zu oft gibt. Um die Leistungen der mutigen bzw. innovativen Vertreterinnen und Vertreter der Sparten Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur sowie der Stadtplanung besser in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, veranstalten die Architektenkammern der Bundesländer jährlich den „Tag der Architektur“. Zu diesem Anlass öffnen neue oder frisch restaurierte Beispiele zukunftsweisender Baukunst ihre Türen und Tore für das interessierte Publikum. Am 18. und 19. Juni 2022 konnten dabei zuletzt 139 Projekte in 76 Städten und Gemeinden besucht werden, darunter auch außergewöhnliche Gewerbeobjekte, von denen wir auf diesen Seiten einige zeigen dürfen.

Stadt ohne Bauherrn ist nicht vorstellbar

Mit einem Blick auf die Situation im Gewerbebau stellt Markus Lehrmann, Stadtplaner und Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, zunächst die besondere Rolle der Bau-Auftraggeber heraus: „Der Bauherr ist die Grundlage von allem. Stadt ohne Bauherrn ist im gegenseitigen Miteinander nicht vorstellbar, weil die Stadt am Ende auch Ausdruck der Stadtgesellschaft ist.“ Dabei sei die persönliche Entscheidung eines Bauherrn, egal ob für ein privates Wohngebäude oder ein Gewerbe-Objekt eines Unternehmers, immer eine höchst öffentliche Aufgabe, denn das Bauwerk wird immer für alle sichtbar sein. Markus Lehrmann: „Insofern sind die Bauherren, die ihrer Verantwortung gerecht werden und attraktiv, ortsangepasst bauen, die Bauherren, die auch tatsächlich einen Beitrag zur Stadt leisten.“ Bauherr und Architekt tragen also gemeinsam zur Ästhetik einer Stadt oder eines Standortes bei. Ein Gewerbestandort muss zwar in erster Linie funktional sein, aber wer sagt, dass dem Unternehmen dabei nicht auch eine angemessen repräsentative Außendarstellung gut zu Gesicht steht? Durch Veranstaltungen wie dem „Tag der Architektur“ oder Wettbewerben wie der „Auszeichnung vorbildlicher Bauten“ machen immer wieder attraktive Beispiele auf sich aufmerksam, die Funktionalität mit ortsangepasster und hochwertiger Architektur verbinden. „Das hat auch viel mit der Unternehmenskultur zu tun“, verweist Lehrmann auf Beispiele, wo die Baukunst als Element der visuellen Marken-Kommunikation genutzt wird, wie beim mehrfach preisgekrönten Firmensitz von Ernsting‘s family im Münsterland oder der Firma Alnatura, die für ihr erstes Bauwerk in Lehm-Stampf-Bauweise ausgezeichnet wurde und damit nicht nur ihre ökologische Haltung deutlich macht, sondern auch den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein starkes Identifikationssignal gibt.

Architekten machen die Musik

Haben derart singuläre Beispiele das Potenzial, einen allgemeinen Trend zu anspruchsvollerem Gewerbebau auszulösen? „Es ist nicht nur die Ästhetik, also das Erscheinungsbild von Architektur, sondern da sind natürlich auch die Funktionen und vor allen Dingen ihre Einbettung in die Umgebung – wenn das alles passt, dann hat ein Projekt eine große Chance, ausgezeichnet zu werden“, weist Markus Lehrmann auch auf den notwendigen Kontext eines Bauwerks hin und kommt damit auf die Perspektive der Stadtplanung zu sprechen: „Stadtplanerinnen und Stadtplaner geben sozusagen die Tonart vor, während das Musikstück selbst von den Architekten gestaltet wird“, sieht er für das architektonische Konzert in einer Kommune eine Analogie zur Musik. Wo dabei in der Partitur die gewerblichen Ansiedlungen ihren Platz finden sollten – mitten in der Stadt oder in Gewerbegebieten am Stadtrand –, ist oft nicht so leicht zu entscheiden. „Der größte Wunsch eines Stadtplaners ist es, lebendige, wir nennen das gern auch urbane Städte zu entwickeln. Und zur Urbanität gehört tatsächlich auch eine Nutzungsmischung, weshalb wir große Freunde davon sind, wenn gewerbliche Tätigkeiten in räumlicher Nähe von Wohnstandorten ausgeübt werden.“ So waren Städte in den vergangenen Jahrhunderten überwiegend geprägt, zum großen Vorteil für die kurzen Wege der arbeitenden Menschen. Ein gutes Beispiel ist die Entwicklung im Handwerk. Es spricht nichts dagegen, dass ein Handwerksunternehmen inmitten der Stadt geeignete Flächen nutzt. Ein Ladenlokal im Erdgeschoss, Lager und Produktion im Innenhof – „in der Gründerzeit war das eine ganz normale Situation, dass in den Innenhöfen gewerbliche Tätigkeiten ausgeführt wurden, während ringsherum die Menschen gewohnt haben“, erinnert Lehrmann. Mitarbeiter oder Kunden hatten keine weiten Wege: „Es ist auch heute noch ein klassisches Merkmal von Urbanität, dass in unmittelbarer Nähe gearbeitet und gewohnt wird.“

Die Toleranzschwelle ist gesunken

Das findet aber auch Grenzen, die der Stadtplaner mit der sogenannten „Körnigkeit“ erklärt. Alle Menschen haben für die verschiedenen Nutzungen in der Stadt einen Flächenanspruch mit unterschiedlichen Merkmalen. Handwerksunternehmer brauchen etwas kleinere Flächen › für ihre Produkte und den Fuhrpark als ein Produktionsstandort für Schrauben, der zudem mit ganz anderen Lärmemissionen zu tun hat. Hier findet Urbanität natürlich ihre Grenzen und die Stadtplanung sieht für emissionsintensive Nutzungen regelmäßig die Gewerbegebiete am Stadtrand vor: „Urbanität findet dort regelmäßig ihre Grenzen, wo Lärmbelästigung entsteht“, lautet Markus Lehrmanns Schlussfolgerung zu einer Situation, mit der immer mehr Gewerbetreibende an ihren traditionell urbanen Standorten zu kämpfen haben – die Toleranzschwelle der Stadtbewohner ist kontinuierlich gesunken.“ Zahlreiche Unternehmen, die zum Teil seit Generationen in ihren Bestandsquartieren zu Hause sind, leiden immer häufiger unter Beschwerden durch die Anwohner. Die Folge ist, dass Gewerbebetriebe in innerstädtischen Quartieren sehr stark unter Druck gesetzt werden und sich nach anderen, geeigneteren Flächen umsehen müssen. „Das ist deshalb etwas Bedenkliches, weil es langfristig zur Entmischung von Stadtquartieren führt“, erklärt der Stadtplaner. Hier kommt die Kommune als dritter Player ins Spiel und muss sich um einen gerechten Ausgleich der Interessen bemühen. Stadtbaudezernenten, Oberbürgermeister und Stadträte haben in vielen Fällen vorrangig die verzwickten Rahmenbedingungen zu regeln, bevor sie sich um mehr Ästhetik in der Baukultur kümmern können. „Und deswegen sagen wir als Architektenkammer auch immer wieder: Stadtplanung und Stadtentwicklung muss Chefsache sein“, erläutert der AKNW-Hauptgeschäftsführer an einem Beispiel, das deutlich macht, wie hier leider oft mit zweierlei Maß gemessen wird. „Wenn man sich vorstellt, was der Freizeit-Bereich für ein Lärmemittent geworden ist, und das Gewerbe im Vergleich dazu sieht, dann würde ich mal die Theorie aufstellen, dass der Freizeitlärm die größere Problematik darstellt, weil die oft synchron mit der Zeit läuft, in der ein besonderes Bedürfnis nach Stille besteht – an Wochenenden und in den Nächten.“

Architektonische Willkommensgesten

Dennoch ist es überwiegend das Gewerbe, das aus den städtischen Quartieren verdrängt wird und sich neue Standorte woanders suchen muss, die es aber nicht in der erforderlichen Menge und damit zu attraktiven Preisen gibt. Markus Lehrmann: „Das ist in vielen Städten ein großes Problem. Wir haben nach wie vor einen unglaublichen Nachfrageüberhang nach Gewerbeflächen, den wir nicht bedienen können“, lautet sein Hinweis auf die oft vorhandenen planungsrechtlichen Versäumnisse der Vergangenheit. Aber selbst wenn neue Gewerbegebiete an den Stadträndern erschlossen werden – wer sagt denn, dass hier das architektonische Einerlei vorherrschen muss. Wenn Reisende in einen Ort kommen, durchqueren sie nach dem gelben Ortsschild oft zuerst eine triste Gewerbezone am Stadtrand. Ganz besonders hier müssten sich die Kommunen doch die größte Mühe geben, ihre Gäste mit attraktiven Bauwerken und einer besonderen architektonischen Willkommensgeste zu begrüßen, vermisst Lehrmann an vielen Stadt-Eingängen den ästhetischen Anspruch der Kommunen. Stattdessen passiert man gesichtslose Supermärkte mit Riesenparkplätzen und einer funktional-chaotischen Erschließung, wo nur zu oft nicht mal Bäume einen Platz gefunden haben. „Das kann man doch nicht alles irgendwie sich selbst überlassen, denn das ist das Image, das die Stadt nach außen trägt“, appelliert Markus Lehrmann besonders an mittelständische Unternehmer, die sich beim notwendigen Umzug an den Stadtrand dann mit kreativer Baukunst zum Imageträger ihrer Heimatstadt machen sollten. Auch der ästhetische Anspruch sollte Chefsache sein und wird so zur großen Image-Chance.

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Ausgabe 04/2022