Werbung zum Anfassen

Werbetechnik setzt auf klassische Werbemittel. Schilder- und Lichtreklamehersteller entwerfen und realisieren nach Wunsch. Die Branche zeichnet sich als kreative Mischform aus den verschiedensten Berufsbildern aus.
(Foto: ©oneinchpunch– stock.adobe.com)
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„Wir machen Werbung zum Anfassen“, sagt Martina Gralki-Brosch. Die Bundesinnungsmeisterin beim Zentralverband Werbetechnik (ZVW) ste ht mit ihrem Verband und auch mit ihrem eigenen Betrieb für solide Handwerksarbeit. Die Branche zeichnet sich als kreative Mischform aus den verschiedensten Berufsbildern wie Siebdrucker und Setzer, Maler, Lackierer und Mediengestalter, aber auch Elektriker und Schlosser, Vergolder und weiteren Gewerken aus. Fassade und Schaufenster sind wichtige Elemente in der Marketingstrategie des Handels. Fensterfronten und Sichtflächen sind in den Einkaufsmeilen im Straßenbild beste Werbeflächen, um Neues und Angebote zu kommunizieren, sich vom Wettbewerb abzuheben und in der Nachbarschaft zu anderen Geschäften, die eigene Marke zu stärken. Ganz neuen Glanz und viele neue Möglichkeiten bietet sich der Branche mit den noch jungen Möglichkeiten der LED-Technik. Nun leuchtet und strahlt es in jeder Einkaufspassage und große Innenstädte werden zu Magneten für Menschen, die vielfach einfach nur schauen und staunen wollen. In der strahlenden Pracht der Metropolen fährt die Werbebranche weltweit jährlich viele 100 Milliarden Euro Umsatz ein. Solche Summen lassen sich aber eher mit großen Marketingkampagnen, Fernsehspots oder Videokreationen einspielen. Werbetechnik gibt sich deutlich bescheidener und setzt auf klassische Werbemittel: Schilder, Leuchtreklame, Beschriftungen und Eyecatcher für Auslagen und Schaufensterfronten, Fassaden, Fahrzeuge und Bauschilder, Informationssysteme und kreative Blickfänge bei Events oder große Messeauftritte.

Schrill geht woanders

Nachts blinkt die Werbung am Times Square in New York in schillernden Farben. Und auch der Piccadilly Circus in London ist für seine vielen Reklametafeln bekannt. Asien überholt mit großen Schritten die bislang schrillsten Kompositionen. Hierzulande geben sich die Handelsriesen noch bescheiden und dennoch wechseln nicht nur an der Allianz Arena in München, am Ku‘damm und der Kö die Farben. Es geht auch viele Nummern kleiner: Lichtwerbeanlagen nennt man alles, was an Gebäuden leuchtet, also Namen, Logos oder Slogans von Unternehmen, die per Text oder Bild visuell dargestellt werden. Für den Entwurf solcher Anlagen und auch für deren Montage sind Schilder- und Lichtreklamehersteller die Spezialisten, sie bilden einen wichtigen Teil der Branche. „Die Anlagen stellen wir neu her und wir rüsten auch Altanlagen auf neue LED-Technologie um. An den Lichtwerbeanlagen gibt es mittlerweile nichts mehr, was wir nicht regeln oder steuern können“, sagt Martina Gralki-Brosch. Schilder- und Lichtreklamehersteller entwerfen und realisieren nach Wunsch. Die Arbeit beginnt mit Entwurfsskizzen, die mit dem Kunden besprochen und als digitale Daten am Bildschirm fertig ausgearbeitet werden. In dieser Phase werden auch Werbeagentur und Architekten eingebunden, die ihre Ideen einfließen lassen, aber auch baurechtliche Vorgaben oder statische Gegebenheiten abstimmen können. Bei weniger umfangreichen Werbemitteln geht es auch ohne Designer. Dann fertigt der Werbetechniker eine Skizze, macht Vorschläge zu Optik und Größe, bindet Firmenlogo, Schrifttypen und Farben ein. Nach diesen Vorgaben bearbeitet der Werbeanlagenbauer die Trägermaterialien für das Endprodukt, schneidet Plexiglas für beleuchtete Buchstaben oder Metalle und Kunststoffe für Schilder zu. Er beklebt Tafeln und Schaufenster oder beschriftet Fahrzeuge. Im Schwerpunkt Grafik, Druck, Applikation achten Schilder- und Lichtreklamehersteller auf optimale Gestaltung und Verarbeitung: Sie wählen Schriftarten, plotten und kleben Folien, verwenden bildliche Darstellungen oder setzen Digitaldruckverfahren ein. Im Schwerpunkt Technik, Montage, Werbeelektrik/-elektronik sorgen sie dafür, dass Werbeschilder und Lichtreklame fachgerecht befestigt werden. Sie verlegen Leitungen und stellen elektrische Anschlüsse her. Auch elektronische Steuerungen montieren und konfigurieren sie und setzen die Anlagen in Funktion.

Rat: Breit aufstellen

„Was ich mir wünschen würde, wäre eine etwas bessere Absprache mit Architekten und Agenturen. Wir werden als Handwerker oft zu spät ins Boot geholt“, kritisiert die Bundesinnungsmeisterin, um deutlich zu machen: Eine Werbeanlage, die auf der Planungsskizze oder der digitalen Darstellung nur wenige Zentimeter ausmacht, kann in Wirklichkeit aber 20 Meter lang sein. Da kommt es auf technische Umsetzung, auf bauliche Gegebenheiten und optische Realitäten an. „Im Grunde genommen ist es gut, sich als Anbieter breit aufzustellen, von kleinen Aufträgen wie Fahrzeugbeschriftungen bis zu großen Produkten wie Lichtwerbeanlagen“, rät Gralki-Brosch. Sie erlebt, dass zum Alltag der Branche digitale Arbeitsschritte längst dazugehören. „Bei uns werden schon seit fast 30 Jahren große Datenmengen digital verarbeitet“, sagt Gralki-Brosch. Betriebe arbeiten mit Digitaldruckern, die fotorealistische Drucke erzeugen. Auch die Entwürfe großer Haus- und Fassadenverkleidungen werden digital bearbeitet. 3D-Drucker werden von der Branche mit ersten Gehversuchen eingebunden, sie können eine Innovation sein, die die Alltagsarbeit ähnlich verändern wird wie der Digitaldruck, der Schneideplotter oder der Siebdruck.

3.300 Betriebe

Aktuell gibt es in Deutschland ungefähr 3.300 in der Handwerksrolle eingetragene Betriebe, die in erster Linie als Schilder- und Lichtreklamehersteller arbeiten; die Übergänge sind fließend, finden sich auch im Messe- und Ladenbau. Die typische Größe für Betriebe in der Werbetechnikbranche liegt zwischen fünf und zehn Mitarbeitern. Für die gilt seit 2019 wieder die Meisterpflicht. „Wir sind damit am Ziel einer langen Reise“, erklärt Martina Gralki-Brosch. „Seit über 15 Jahren haben wir für die Rückkehr zur Meisterpflicht gekämpft und für unser Handwerk geworben. Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung.“

Stabilisierung erwartet

Der Berufsverband hatte sich intensiv dafür eingesetzt, dass sein Gewerk wieder in die Anlage A der Handwerksordnung aufgenommen wird. Die Schilder- und Lichtreklamehersteller erhoffen sich mit der Neuerung mehr Gründungen von Meisterbetrieben in ihrem Gewerk. Im Gegenzug dafür aber auch „eine Abkühlung des überhitzten Gründungsbooms“, so Geschäftsführer Ludgerus Niklas vom Zentralverband Schilder und Lichtreklame. Seit 2004 hatte sich die Zahl der Betriebe in diesem Gewerk, unter Einfluss der Änderung der alten Handwerksordnung und der Einordnung als nicht meisterpflichtiges Gewerk, mehr als verdoppelt. Nun erwartet der Verband „eine Stabilisierung der Betriebszahlen und ein gesundes Wachstum durch qualitativ hochwertige Betriebe aus Meistergründungen“. Reinhold Häken | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 01/2021