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KOLUMNE Parallelwelten: Die gefühlte Realität

Emotionen wird in vielen Bereichen heute große Bedeutung beigemessen. Sie sind zwar wichtig, doch erschweren sie oft Lösungen, meint Simone Harland.

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von Simone Harland 24.03.2025
(© master1305– stock.adobe.com)

Neulich habe ich im Internet nach einem Kochrezept gesucht. Als ich die von mir gewählte Seite aufrief, musste ich mich durch einen Text durchkämpfen, in dem stand, warum dieses Rezept großartig ist, wo es herstammt, welche Gefühle beim Essen aufkommen und so weiter. Nach langem Scrollen gelangte ich endlich zum Rezept. Und war genervt. Mir wurde meine Zeit gestohlen. Ich will Lösungen, nicht ewig langes Blabla.

Das Gleiche gilt, wenn ich etwas kaufen möchte. Ich möchte mich in kurzer Zeit über die (technischen) Details und Vorteile des jeweiligen Produkts informieren. Dazu brauche ich nicht zu wissen, ob es auf Kiribati in der untergehenden Sonne von Einheimischen geklöppelt wurde und welchen Stellenwert es auf dieser kleinen Pazifikinsel hat. Ich möchte auch kein gefühliges Anpreisen wie „Auf in die nächste Vollmondnacht mit Kleidungsstück XY, in dem Sie glänzen wie der helle Abendstern“. Lese ich so etwas, mutiere ich eher zum Werwolf.

Vielleicht mag andere so etwas ansprechen, denn es heißt ja, Werbung verkaufe keine Produkte, sondern Emotionen, mich jedoch schreckt es ab. Ich suche nach Lösungen für ein Problem, nicht nach emotionaler Unterstützung.

Genauso geht es mir mit der Politik. Die Menschen, die gut bezahlt im Bundestag sitzen, sollen Probleme lösen und Weichen stellen. Sie sind gewählt, um ihre Kraft für das Wohl des Volkes einzusetzen. Klar können dabei Fehler passieren. Das ist menschlich. Dann heißt es zu gucken, warum etwas nicht funktioniert hat, umzusteuern und andere Wege zu gehen. Dabei müssen immer wieder Kompromisse gefunden werden – oft nach harten Diskussionen in der Sache.

Doch in den letzten Jahren hat sich die Politik oft von der Sachebene wegbewegt. Statt Lösungen zu produzieren, die dann auch extremistischen Strömungen den Wind aus den Segeln nehmen könnten, geht es oft nur noch darum, die „anderen“ zu diskreditieren und die eigenen Moralvorstellungen (also im Wesentlichen Gefühle) als das Nonplusultra darzustellen. Im Wahlkampf schlug sich das unter anderem in Begriffen wie „Respekt“, „Zuversicht“, „Freiheit“ nieder. Doch Emotionen sorgen nicht für Lösungen, sie können ihnen sogar entgegenstehen. Denn wenn Emotionen die Oberhand gewinnen, behindern sie das rationale Denken. Es fällt zudem schwerer, die Argumente des politischen Gegners anzuhören und vielleicht sogar zuzugeben, dass an der ein oder anderen Idee doch etwas dran sein könnte. Keine gute Grundlage für Verhandlungen und das Finden von Kompromissen und damit von Lösungen.

Ich weiß, das Leben ist kein Wunschkonzert, trotzdem hoffe ich, dass die Bundespolitik langsam wieder beginnt, stärker sachorientiert, statt emotions- und ideologiegetrieben zu arbeiten. Vielleicht sollten sich die Parteien in Berlin und in den Ländern ein Vorbild an den Kommunen nehmen. Denn auf Kommunalebene wird vielfach lösungsorientierter gearbeitet – über Parteigrenzen hinweg. Es geht auch gar nicht anders. Denn in den Gemeinden bekommt die Bevölkerung ungefiltert mit, was die Gemeinderäte vor Ort für sie tun. Wird dort die Straße mit dem großen Schlagloch nicht wenigstens geflickt, stehen die Menschen beim Bürgermeister auf der Matte. Hinzukommt, dass auch die Gemeindevertreter vom Schlagloch in der Straße betroffen sind. Sie haben also selbst Interesse daran, dass sich etwas ändert. Emotionen sind da fehl am Platz, Lösungen sind gefragt.

Ich denke zudem, dass der Bundes- und Landespolitik ein wenig mehr Besonnenheit guttun würde. Besonnenheit heißt für mich, auf Kritik oder Angriffe nicht sofort emotional, etwa mit Gegenangriff, zu reagieren, sondern sich auch zu fragen: Hat der andere mit seiner Kritik vielleicht sogar in Teilen recht? Statt sofort zu reagieren, kann es oft besser sein, ein paar Stunden vergehen zu lassen, in der Sache genau zu recherchieren, sich mit denjenigen, die im Thema sind, auszutauschen und erst dann eine fundierte Antwort zu geben – also auf der Sachebene zu bleiben. Auf dieser Ebene fällt es in der Regel leichter, zu tragfähigen Lösungen zu kommen. Ich wünsche uns allen, dass dies in Zukunft besser gelingt.

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