Digitalisierung: Die sieben größten Fehler bei der Digitalisierung

Hier eine App, dort ein digitaler Prozess, noch eine schicke neue Online-Funktion im Produkt: Das hat mit Digitalisierung wenig zu tun. Und doch handeln viele Unternehmer in Deutschland genau so. Das sind die sieben beliebtesten Digitalisierungs-Fehler.
(© ­­­Vitalii − stock.adobe.com)
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Ralf Müller (Name geändert) ist Mathematiker und arbeitet als Softwareentwickler bei einer Unternehmensberatung. Bundesweit hilft er DAX-Unternehmen und anderen Betrieben bei Digitalisierungsprojekten. Wenn sie sich helfen lassen. „Unternehmen in Deutschland machen viele Fehler bei der Digitalisierung“, beschreibt Müller, „und diese lassen sich meist auf einen Nenner bringen: Die Informationstechnologie bekommt nicht den Stellenwert, den sie haben muss. Das ist gefühlt nicht so drin, gerade bei deutschen Ingenieuren.“


1. Fehler: Monolithische Projekte

Als Beispiel führt Müller eine Bank in Deutschland an, die vor nicht allzu langer Zeit in die Digitalisierung einsteigen wollte. Aber so richtig. Mit einem riesigen Projekt. „Das Vorhaben sollte alles von links nach rechts umkrempeln“, erinnert sich der Berater, „sollte alles bisher Dagewesene ablösen, alle Daten, alle Use Cases, die neue Plattform sollte alles können.“ Allumfassende Systeme, gigantisch und schwer zu fassen wie ein Monolith: Das ist einer der beliebtesten Fehler, die Unternehmen in Deutschland bei der Digitalisierung machen. Die Bank entwickelte, entwickelte und entwickelte – nur, um das Projekt nach Jahren wieder einzustampfen. Zu groß, zu unübersichtlich, zu unhandlich. „Das ist symptomatisch“, sagt Müller, „und es ist besser, man fängt mit ein oder zwei Problemstellungen an. Dann prüft man, was man dafür braucht, und schafft vielleicht ein System an, das sich nach und nach erweitern lässt.“


2. Fehler: Das Produkt ins Zentrum stellen

Ein weiterer beliebter Fehler in Deutschland: „Eigene Produkte statt Nutzer in den Vordergrund stellen“, schreibt Svetlana Stanković, Direktorin SEO der Global Savings Group, in ihrem Blog. Tatsächlich gehen viele Firmen der produzierenden Industrie zunächst von ihrem Produkt aus. Sie verbessern es, erarbeiten neue Funktionen, erschließen neue Einsatzbereiche. Moderne Produktentwicklung geht laut Stanković den umgekehrten Weg. Diese stelle den Nutzer und dessen Bedürfnisse an den Anfang, suche dann nach einer kreativen Lösung und entwickle erst dann ein Prototyp. Stankovićs Fazit: „Dies ist ein umgekehrter Ansatz zu dem, den viele traditionelle Unternehmen verfolgen.“


3. Fehler: Kulturwandel verweigern

Digitalisierung bedeutet für viele Firmen nicht weniger als einen Kulturwandel. Doch das ist genau das, was viele scheuen. Hier eine App, dort ein digitaler Prozess: Mit Alibis oder Feigenblättern ist es aber nicht getan. „Wenn die digitale Transformation nicht in die übrigen Geschäftsaktivitäten des Unternehmens integriert ist, kann der Versuch, eine bestimmte Marke oder Einheit innerhalb des Unternehmens zu digitalisieren, sehr schlecht laufen“, so Stanković. Beispiel: Nike. Im Jahr 2012 hatte der US-amerikanische Sportartikelhersteller den Fitness-Tracker Nike FuelBand entwickelt. Nutzer konnten sich damit u.a. Ziele setzen und verfolgen, ebenso sich mit anderen Nutzern vergleichen. Für Nike war die Entwicklung der Hardware ein großer Schritt, vielleicht sogar ein bisschen zu groß. Der Hersteller konnte viele Entwickler und Designer nicht halten. Hightechfirmen im Silicon Valley machten einfach die besseren Angebote. Ein Sportartikelhersteller konnte mit der Kultur der Techgiganten ganz offenkundig nicht mithalten.


4. Fehler: Mit der Software beginnen

Den Effekt kennt jeder: Im Bekleidungsgeschäft passt die schicke Jacke noch hervorragend, zu Hause sieht das schon ganz anders aus. In der Alltagsbeleuchtung und ohne die Euphorie des Neuen stellt sich Ernüchterung ein. Genau diesen Effekt gibt es auch in der Digitalisierung. „Ein Fehler ist, dass Unternehmen mit der Software-Lösung anfangen“, beschreibt Hans Boot, Diplom-Betriebswirt und Partner der Durch Denken Vorne Consult GmbH aus Hilden. Boot betreibt mit Frank Sundermann, Wirtschaftsingenieur und geschäftsführender Gesellschafter bei Durch Denken Vorne, einen Podcast, in der sie sich über die Digitalisierung unterhalten. Er weiß: „Man denkt vielleicht, die Lösung kann ja alles. Aber irgendwann merkt man: Die kann zwar viel, aber nicht das, was ich will.“ Diese Vorgehensweise erinnert an Entscheider, die auf einen Trend aufspringen wollen – egal, ob der Trend gerade Blockchain, Augmented Reality oder künstliche Intelligenz heißt. Passt der Trend zum eigenen Produkt? Zur Zielgruppe? Braucht der Kunde überhaupt eine Blockchain? „Es gibt so viele Themen, die mit der digitalen Transformation in Verbindung stehen, dass viele Unternehmen versuchen, auf den neuesten Hype zu setzen“, resümiert Svetlana Stanković.


5. Fehler: Schwammige Ziele

Was bedeutet überhaupt Digitalisierung? Für das eine Unternehmen ist eine digitale Eingangsrechnung schon ein Erfolg, während das andere komplett im Internet arbeitet und sogar auf eigene Büros verzichtet. Digitalisierung kann vieles bedeuten. Hier sind die Entscheider gefordert, herauszufinden, welcher Aspekt der Digitalisierung am besten zum Geschäftsmodell und zur Kultur passt. Um dem auf die Spur zu kommen, empfiehlt sich nicht nur der genaue Blick auf Kunden und Märkte, sondern auch auf die eigenen Prozesse. Kann ein Unternehmen jährlich Zehntausende Seiten Papier sparen, wenn es digitale statt analoge Verträge nutzt, dann ist das vielleicht ein guter Einstieg in die Digitalisierung. Geht es eher um eine neue Zielgruppe, die online statt per Telefon oder Fax bestellen will, kann ein Webshop ein Ausgangspunkt sein. Entscheidend ist die Entscheidung, in welche Richtung es gehen soll, und die kann nur die oberste Etage fällen.


6. Fehler: Der Kopf zieht nicht mit

Jede Neuerung provoziert Neinsager und Blockierer. So weit, so bekannt. Zu einem ernsten Problem kann das eigentlich nur dann auswachsen, wenn die Verhinderer ganz oben sitzen. Die Entscheidung für digitale Projekte muss mindestens von der Geschäftsführung aktiv gestützt werden, wenn nicht sogar von ihr ausgehen. Geht die Chefetage mit gutem Beispiel voran, ziehen die wichtigsten Entscheider der nächsten Ebene mit, was wiederum starken Einfluss auf die ganze Belegschaft ausübt.


7. Fehler: Silos schirmen sich ab

Wenn mal wieder der Schwanz mit dem Hund wedelt, können Geschäftsführer sich sicher sein: Da hat eine Abteilung zu viel Macht im eigenen Unternehmen. Widersetzen sich einzelne Bereiche erfolgreich und lange den Neuerungen, bilden sich Silos, also Sektoren, die nicht oder nur schlecht miteinander arbeiten. Im schlimmsten Fall hören Silos auf, miteinander zu reden, und Fehlkommunikation lässt Projekte scheitern. Werden diese Silos dann auch noch von der Geschäftsführung ignoriert oder gar geduldet, verhärten sich die Fronten endgültig und sind oft nur durch jahrelange Arbeit wieder aufzuweichen.
Tim Müßle | redaktion@regiomanager.de

Ausgabe 03/2021