Parallelwelten: Betriebsbetrinken

Julia Dombrowski zweifelt an Männergesundheit durch Betrinken. Gibt es trotzdem bald Betriebstheken?
Julia Dombrowski
Julia Dombrowski

 

 

Der weibliche Teil der Bevölkerung hat mit dem Internationalen Weltfrauentag einen eigenen Kampftag, der den männlichen Teil Jahr für Jahr ein bisschen neidisch zu machen scheint. Dafür bekommen Männer im Gegenzug allerdings Studienergebnisse, die das Potenzial haben, Frauen vor Neid erblassen zu lassen: „Männer müssen sich zweimal in der Woche mit Freunden betrinken, um gesund zu bleiben.“ Das ließ die renommierte Universität Oxford im vergangenen Jahr verlauten. Professor Robin Dunbar, der die Studie leitete, hat nun keinesfalls widerlegt, dass der Besuch des Fitnessstudios oder gesunde Ernährung dem Wohlbefinden abträglich seien: Als Gesundheitsgaranten bleiben diese Faktoren gültig wie eh und je. Wer aber den Podex ungern auf ein Ergometer schiebt und auch nicht gern an der Möhre knabbert, hat fürderhin eine attraktive Alternative: Für jedes Laster findet sich eine Studie, die es rechtfertigt! Die optimale Formel lautet angeblich: vier Freunde, zwei Abende pro Woche, eine Kneipe nach Wahl. Denn in signifikanter Häufigkeit ließ sich belegen, dass Männer, die dieses Rezept befolgen, grundsätzlich gesünder sind und seltener an Depressionen leiden. Und wer doch einmal erkrankt, der wird schneller wieder gesund als Personen in Vergleichsgruppen – wer pflegt schon länger den Männerschnupfen als nötig, wenn die Theke verlockend ruft? Die Kombination aus sozialem Kontakt und enthemmender Trinkfreude sorge dafür, dass Stress abgebaut und gleichzeitig Glück empfunden wird – eine Steigerung des Selbstwertgefühls inklusive. So schlagzeilenfähig das Betrinken die Studienergebnisse macht, so schnell relativiert sich der Alkoholgenuss als Ultima Ratio allerdings, wenn man die Erläuterungen genauer betrachtet: Natürlich könnte Mann mit seinen vier Freunden genauso gut einen Sport ausüben, Bäume fällen oder häkeln. Bloß bei der Anzahl der Ausgeh-Freunde ist die Studie streng: Mehr als fünf Personen sollten sich nicht zusammenfinden – denn in größeren Gruppen tritt gesundheitsförderndes spontanes Gelächter deutlich seltener auf (Ach, Männer, da könntet ihr von uns Frauen aber wirklich noch was dazulernen). Nicht ganz unwesentlich für die Bewertung dieser ermutigenden Studie dürfte sein, dass ausgerechnet eine große britische Bierbrauerei sie in Auftrag gegeben hat. Aber wer sonst hätte Interesse an ihr haben sollen? Ein Interessenverband abstinenter Mineralwasser-Abfüller vielleicht? Für Unternehmen wird seit Jahren das Thema Betriebsgesundheit immer wichtiger: Wer kann sich heute schon noch kränkelnde Mitarbeiterteams leisten? Ergonomisch ausgestattete Arbeitsplätze, Betriebssport, sogar Massagen in der Mittagspause gehören ja eigentlich längst zum guten Unternehmenston. Geben Sie sich geschlagen und richten Sie lieber eine Firmenkneipe ein, ehe der Betriebsrat die Oxford-Studie in die Finger bekommt und eine Theke per Generalstreik aus Ihnen herauspresst. Aber Obacht: Denken Sie nicht: An den künftigen Katertagen, die auf die gesundheitsfördernden Kneipenabende folgen werden, kompensieren die Frauen im Team die Arbeit der Kollegen, die mit Ausnüchtern voll ausgelastet sind: Damit wir auf solche Fallen nicht mehr hereinfallen, dafür haben wir den Frauenkampftag. Irgendwie müssen wir uns gegen die Auswirkungen kurioser britischer Studien ja zur Wehr setzen.
Julia Dombrowski | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 03/2017