Parallelwelten: Dem Tod ist es wurst

Julia Dombrowski glaubt, dass Entscheidungen an der Börse leichter sind als am Wurst-Buffet.
Julia Dombrowski
Julia Dombrowski
Vor einigen Wochen sorgte die Aktionärsversammlung eines großen deutschen Automobilherstellers für Aufsehen. Aber nicht durch Dividenden. Nein, es ging um die Wurst. Das Skandälchen galoppierte durch alle Medien, fast als hätte es mit Abgasen zu tun gehabt: Ein Aktionär hatte sich sehr großzügig am Buffet bedient und die bereitgestellte Fleischmasse-in-der-Pelle zur „Wurst to go“ erklärt. Lieber Wurst ohne Ende als ein Ende ohne Wurst, dachte er wohl. Aber so raffgierig darf’s nicht zugehen, fand eine aufgebrachte Mit-Aktionärin und stellte den langfingrigen Wurstfinger zur Rede. Der Konflikt eskalierte, nachdem sie ihren Senf zu seiner Wurst dazugegeben hatte (stimmt schon, dieses Wortspiel ist wirklich unter aller Sau, aber liegt nun mal so nahe wie das Weißbrot an der Bockwurst). Weil der Dame nicht wurst war, wie der Mann sich benahm, fand die Geschichte ihre Fortsetzung und bald darauf den Einzug in die Nachrichtenticker. Erst die Polizei, die herbeigerufen worden war, um den Streit beizulegen, konnte den Eklat stoppen.
Es gibt eine Möglichkeit, Lebensrisiken in Zahlen auszudrücken. Die Einheit der Wahrscheinlichkeit, an den Folgen einer beliebigen Handlung zu sterben, nennt sich „Mikromort“. Ein Mikromort entspricht der Aussicht von eins zu einer Million, die Currysoße abzugeben und sich statt Würsten künftig Gemüse von unten anzusehen. Zur Veranschaulichung: Zwei Tage lang in New York zu leben oder sechs Minuten lang Kanu zu fahren entspricht jeweils einem Mikromort. In New York besteht nämlich eine statistisch signifikant höhere Chance, überfallen, von einem Yellow Cab überfahren oder von einem Wolkenkratzer geschubst zu werden als beispielsweise in Wernigerode. Beim Kanufahren ertrinkt es sich leichter als bei der Aquarellmalerei. Die Mikromort-Zahlen sagen es.
Sich bei einem Aktionärstreffen die Taschen am Buffet vollzustopfen steckt auf den ersten Blick voller Gefahren, sofern wütende Wurst-Fans in der Nähe weilen. Aber Statistik ist manchmal viel kniffliger, als der Anschein glauben macht. Denn der Tod greift dann und wann zur Salamitaktik. Wer die Finger nicht von der Wurst lassen kann, erhöht das persönliche Krebsrisiko. Die streitbare Mitesserin hat den Kontrahenten möglicherweise vor üblen Folgen seiner Fehlbisse bewahrt. Besser, der deeskalierende Polizist schaut streng als der diagnostizierende Onkologe.
Jetzt bitte aufatmen: Wenigstens ist es leichter, an der Börse zu spekulieren, als die tödlichen Folgen des Alltags zu überblicken. Immerhin haben zahlreiche Experimente bewiesen, dass Schimpansen hervorragende Anlageentscheidungen treffen, die die Voraussagen sogenannter Finanzexperten um Längen schlagen. Die Versuche mit den Primaten haben gezeigt, dass eine lohnende Investition an der Börse dann wahrscheinlich ist, wenn menschliche Vernunft das Spiel nicht verdirbt. Und damit hat die Wurst-Geschichte den Aktionären zumindest eines beigebracht: Wenn alles Denken sich wieder mal nur um das eine dreht, weil das Buffet so verlockend ist – unbedingt genau dann investieren. Der Verstand kann nichts verderben, wenn er nicht anwesend ist. So einfach sind Entscheidungen bei den Pausensnacks leider nicht. Die können tödlich enden – oder im Knast. Julia Dombrowski | redaktion@revier-manager.de

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Ausgabe 04/2016