Parallelwelten: Eine Flade der Perspektive

Julia Dombrowski betrachtet das indische Verhältnis zum Kuhfladen. Und möchte zum Perspektivenwandel einladen.
Julia Dombrowski
Julia Dombrowski
Lassen Sie uns über Kuhfladen reden. Kuhfladen sind unappetitlich. Sie stellen auf Spaziergängen eine Gefahr dar. Sie lauern auf Wandererfüße, um sie zu beschmutzen. Sie stinken. Sie vermiesen den Ausflug ins Grüne. Alles eine Frage der Perspektive! Der eine rümpft die Nase über das viehische Ausscheidungsprodukt, der andere erwirbt es käuflich. 24 getrocknete Exemplare sind im Online-Handel zum Beispiel für umgerechnet 9,90 Euro zu haben. Anbieter finden sich im Großraum Indien, ihre Kundschaft ist ebenfalls dort vor Ort. Wie in Deutschland findet sich auch in Indien ein natürlicher Unterschied in der Beziehung zum Rinder-Aa zwischen Land- und Stadtbewohnern – der Städter trifft in seinem Umfeld kaum darauf. Normalerweise gehen die Dung-Lieferungen an tendenziell wohlhabende Kundschaft im urbanen Raum, die zu besonderen Anlässen auf traditionelle Weise kochen und heizen möchten, denn trockene Kuhfladen sind seit jeher ein bewährtes indisches Brennmaterial. Der deutsche Städter weicht dem Fladen nach Möglichkeit aus. Der indische Städter dagegen greift für ihn gern in die Tasche. Der Kuhfladen unterscheidet sich nicht, nur die Perspektive auf ihn. Können wir etwas daraus lernen? Klar! Immer wenn wir ungewohnte Sichtweisen kennenlernen, sollte das ein Anlass sein, um eingefahrene Überzeugungen zu überprüfen. Nichts ist von vornherein gut oder schlecht – es ist immer unsere Einstellung, die uns etwas akzeptieren oder ablehnen lässt. Was für Kuhfladen gilt, gilt auch für den Rest der Welt! Zum Beispiel: In Deutschland sind wir uns ziemlich einig, welche Arbeitsmoral wir gutheißen. Wir würden denjenigen loben, der rege wirkt und über denjenigen die Stirn runzeln, der untätig ist. In Japan ist das anders: Wenn man dort eine schlafende Person an ihrem Arbeitsplatz entdeckt, bringt man ihr erst einmal Achtung entgegen. Man geht nämlich davon aus, dass sie schläft, weil sie zuvor besonders hart gearbeitet hat – möglicherweise bis tief in die vorherige Nacht hinein. Also ist Schlaf wahrscheinlich ein Zeichen von Fleiß. Klingt ungewöhnlich, der Gedankengang ergibt aber durchaus Sinn. Wir müssen gar nicht unbedingt auf die andere Seite der Welt schauen, um interessante Perspektivenwandel zu finden. Es ging einmal die Geschichte von einem (deutschen) Abteilungsleiter herum, der jedes Mal unwirsch und streng knurrte, wenn er bei seinen Untergebenen auf aufgeräumte Schreibtische traf. Für ihn war es selbstverständlich, dass nur ein Untätiger genug Zeit zum Ordnunghalten hat. Was dazu führte, dass seine Mitarbeiter immer schnell ein Chaos auf dem Tisch verteilten, wenn der Chef nahte – was nicht wirklich förderlich für Produktivität oder Ablauf war, aber darum geht es hier ja gerade gar nicht. Spannend ist, wie dieser Mensch die übliche Vorannahme – Ordnung ist löblich! – durch seine eigene ersetzte. Das Chaos bedeutet der Führungskraft sozusagen das, was für den indischen Großstädter der Fladen ist. Rinder-Ausscheidung, Büro-Schlaf und Schreibtisch-Schlachtfeld sind nämlich nicht per se gut oder schlecht – erst unsere Deutung machen sie dazu. Und auf der Suche nach der Moral in diesen Geschichten bleibt eine Erkenntnis: Wir können alle einen persönlichen Kuhfladen in unserem Alltag definieren, der uns neue Perspektiven schenkt! Julia Dombrowski | redaktion@revier-manager.de

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Ausgabe 01/2016