Parallelwelten: Heimlich arbeiten

Julia Dombrowski fragt sich, wie viele Führungskräfte sich als Büropflanze tarnen, um nicht in den Urlaub zu müssen.
Julia Dombrowski
Julia Dombrowski

Warum er denn so auf die Uhr schaue, fragte ich kürzlich einen befreundeten Abteilungsleiter, mit dem ich in dessen Urlaub beim Abendessen saß. Auf irgendwas lauerte er, und meine Gesellschaft konnte ihn nicht angemessen ablenken. Er warte auf den Feierabend seiner Mitarbeiter, antwortete er. Bald würde auch die letzte Sachbearbeiterin nach Hause gegangen sein, die immer ein bisschen später den Stift fallen lasse als alle anderen. Diese Antwort war nicht erhellend: Wir hatten diese Verabredung im Restaurant seit Wochen immer wieder verschieben müssen, weil mein Freund viel Stress bei der Arbeit hatte und ihm ständig etwas Dringendes dazwischengekommen war. Mittlerweile hatte die Unternehmensleitung ihn gezwungen, seinen kompletten Resturlaub aus dem Vorjahr zu nehmen. Damit hatten wir endlich Zeit für eine private Verabredung. „Was passiert denn, wenn deine Mitarbeiter in den Feierabend gehen?“, fragte ich ratlos. „Ich kann heimlich ins Büro, ohne dass mich jemand erwischt.“ „Du hast doch Urlaub!“ „Aber doch nur, weil ich gezwungen werde!“
Der Urlaub als zwangsverordnete Phase der Untätigkeit, heimliches Arbeiten als Erlösung vor gähnender Langeweile während der Freizeitpflicht – Moment mal, was sagt das eigentlich über meine Qualitäten als Gesprächspartnerin aus? Plaudereien mit mir sind aber allem Anschein nach nicht die einzige Plage, die den Deutschen als Büro-Ficus getarnt in den Feierabendstunden zurück an den Schreibtisch treibt: Schätzungen gehen davon aus, dass Führungskräfte im Durchschnitt ein gutes Drittel ihres Jahresurlaubs verfallen lassen und lieber weiterarbeiten. Falls sie sich während der anderen zwei Drittel fürs heimliche Arbeiten gut tarnen, ist die Dunkelziffer möglicherweise deutlich höher als angenommen. Aber was erwartet den Deutschen schon im Urlaub? Sonnenverbrannte Haut, Gewichtszunahme nach Pizza, Pasta, Wein und Cocktails, Streit mit der Familie, verlorene Kämpfe um Liegestühle am Hotelpool: zu viel Sand am Strand, zu viele Wellen im Wasser. Deutsche Gerichte kämpfen nach jeder Urlaubssaison mit kuriosen Klagen enttäuschter Urlauber: Mal wollte eine enttäuschte Touristin ihr Geld vom Reiseveranstalter zurück, weil der Animateur, der im Vorjahr wild mit ihr geflirtet hatte, dieses Jahr eine andere Flamme hatte. Mal versuchte ein deutscher Las-Vegas-Urlauber, Schmerzensgeld zu erstreiten, weil niemand ihn aufgeklärt habe, dass die von King Elvis geschlossene Ehe mit der Reisebekanntschaft auch in Deutschland gültig war. Verlorene Gebisse, die nach dem Alkoholexzess und anschließendem Übergeben unauffindbar sind, aber von der Reisegepäckversicherung nicht ersetzt werden, gehören auch auf die „Alles schon vor Gericht gewesen“-Liste. Urlaub ist für den Deutschen eben eine hochgradig aufwühlende Zeit, in der er sich furchtbar viel ärgern muss.
Besser, die alte Camouflage-Hose aus dem Kleiderschrank kramen, auf YouTube ein, zwei Lehrvideos über die Anschleichtaktiken der Apachen ansehen und herrlich ungestörte Arbeitsnächte im menschenleeren Büro verbringen. Vorsicht, bitte: Andere heimlich arbeitende Urlaubs-Verweigerer in Tarnhosen, die gleichfalls über die Flure schleichen, erhöhen das Unfallrisiko durch fahrlässige Zusammenstöße immens. Bloß nicht die Gesundheit gefährden, sonst droht gleich die nächste Zwangs-
pause! Julia Dombrowski | redaktion@regiomanager.de

Ausgabe 05/2017