Stahlindustrie in Deutschland: Turbulente Zeiten für einen traditionellen Werkstoff

Die Stahlindustrie befindet sich in schwierigen Zeiten. Ausländische Produzenten aus Fernost überschwemmen den Markt mit Billigstahl und drücken die Preise. Die Pandemie führte zu Umsatzeinbußen. Und der Druck, auf nachhaltige, aber kostenintensive Produktionsverfahren umzustellen, wächst. Doch die Branche gibt sich zuversichtlich.
Eisen wird in vielen Anlagen noch mithilfe von Koks erhitzt.  Foto: © ABCDstock – stock.adobe.com
Eisen wird in vielen Anlagen noch mithilfe von Koks erhitzt. Foto: © ABCDstock – stock.adobe.com
Die Stahlindustrie hat in Deutschland eine lange Tradition – und ist auch heute noch einer der bedeutendsten Industriezweige des Landes. Mit einer jährlichen Produktionsmenge von rund 36 Millionen Tonnen Stahl (im Jahr 2020) zählt Deutschland nach wie vor zu den größten Herstellern der Welt. Innerhalb der Europäischen Union belegt Deutschland die Spitzenposition, global Rang 7.

Die Stahlbranche – Rückgrat der deutschen Industrie

Zwischen 80 000 und 90 000 Menschen sind hierzulande in der Stahlindustrie beschäftigt. Das sind zwar deutlich weniger als noch vor einigen Jahrzehnten (zur Zeit der Wiedervereinigung waren es beinahe 180 000 Personen), an Bedeutung hat die Branche allerdings nicht eingebüßt. Im selben Zeitraum hat sich die Produktivität dank innovativer Technologien und der fortschreitenden Digitalisierung sogar verdoppelt.

Zu verdanken ist die Stellung der Stahlindustrie jedoch auch dem Umstand, dass diese eng mit einigen der bedeutendsten Industriezweige des Landes verflochten ist. Denn als Werkstofflieferant für die Automobilbranche, das Baugewerbe, den Maschinenbau und die Elektrotechnik steht die Stahlbranche am Anfang ökonomisch enorm wichtiger Wertschöpfungsketten. Immerhin arbeiten allein in den stahlintensiven Branchen landesweit mehr als 4 Millionen Menschen.

Produktionsweisen und Stahlerzeugnisse

Rund 70 % des in Deutschland produzierten Stahls wird heute in integrierten Hüttenwerken erschmolzen. Dabei handelt es sich um eine Kombination mehrerer Fertigungsstufen, die sich alle an einem Standort befinden – darunter typischerweise ein Hüttenwerk, ein Stahlwerk, eine Gießerei und ein Walzwerk. Die restlichen 30 % werden über die Elektrostahlroute hergestellt, also durch das Einschmelzen von Stahlschrott in einem Elektrolichtbogenofen.

Der größte Anteil, genauer gesagt, 86 % des in Deutschland produzierten Stahls entfällt dabei auf warmgewalzte Stahlerzeugnisse. Zu dieser Kategorie zählen neben Flacherzeugnisse wie Bandstahl, Warmbreitband und Breitflachstahl auch Langerzeugnisse wie Walzdraht, schwere Profile und Oberbaumaterial.

Im Detail betrachtet ist die Anzahl an unterschiedlichen Stahlerzeugnissen jedoch kaum überschaubar. So bezieht sich die Bezeichnung „Bandstahl“ beispielsweise lediglich auf die Verarbeitungsform; diese gibt jedoch keinen Aufschluss über die diversen Charakteristika des Werkstoffs, wie etwa die spezifischen Stahlqualitäten, Oberflächenbehandlungen und -veredelungen.

Verbraucht und weiterverarbeitet wird der Großteil des in Deutschland produzierten Stahls tatsächlich nur von wenigen Industriezweigen. Die größten Anteile entfallen dabei auf folgende Branchen:
  • 35 % Baugewerbe
  • 26 % Automobilbranche
  • 12 % Metallwarenhersteller
  • 11 % Maschinenbau
  • 5 % Rohrproduzenten
  • 2 % Haushaltswarenproduzenten


Stahl aus Fernost: China überschwemmt Markt

Vor allem die außereuropäische Konkurrenz setzt der deutschen Stahlindustrie zu, besonders jene aus China. Von den aktuell 50 größten Stahlkonzernen der Welt stammen mehr als die Hälfte von dort – und diese produzieren auch die Hälfte des heute weltweit hergestellten Stahls.

Das Problem: Nicht nur sind Löhne und Gehälter in China deutlich geringer als hierzulande, auch wird die Stahlproduktion von Peking massiv subventioniert. Oftmals decken die Verkaufspreise des chinesischen Stahls nicht einmal die Herstellungskosten im eigenen Land. Für den globalen Stahlmarkt bedeutet das insofern eine Bedrohung, da Massen des billig produzierten Metalls zu Dumpingpreisen exportiert werden und dadurch den Stahlpreis drücken.

Die Pandemie hat die Lage verschärft

Die Corona-Pandemie hat die Situation der Stahlindustrie zusätzlich verschärft. Die sinkende Nachfrage führte zu einem Produktions- und Umsatzeinbruch, welcher vor allem auf die schlechte Konjunktur in den metallverarbeitenden Branchen zurückzuführen war. So wurden im Jahr 2020 deutschlandweit lediglich 35,7 Millionen Tonnen Stahl produziert. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem Rückgang von 10 %. Das ist der geringste Output seit 2009 – damals litt die Branche unter der Weltfinanzkrise.

Besser läuft es für die Branche nun seit dem Jahreswechsel. Die Nachfrage stieg und die Hochöfen wurden wieder angefahren. In den ersten sechs Monaten stieg die Stahlproduktion um satte 18,1 % an. Zudem profitierte die Branche von einer sprunghaften Preissteigerung. Innerhalb eines Jahres verdoppelte sich der Stahlpreis auf rund 1400 Euro pro Tonne.

Der Umstieg auf klimafreundliche Produktionsverfahren

Neben der sich zuspitzenden wirtschaftlichen Branchenlage sind es vor allem energie- und klimapolitische Regulierungen und Ziele, die die deutschen Stahlproduzenten vor eine Herausforderung stellen. Die Stahlindustrie ist für 30 % der industriellen Emissionen in Deutschland verantwortlich. Das entspricht rund sechs Prozent aller in Deutschland produzierten Treibhausemissionen.

Der Grund dafür liegt buchstäblich im Hochofen: Stahl wird unter enorm hohen Temperaturen von rund 1900° C hergestellt. Um dies zu erreichen, wird in den traditionellen Produktionsverfahren oftmals auf Kokskohle gesetzt. Koks bietet zwei wesentliche Vorteile. Es ist günstiger als alle Alternativen und wirkt darüber hinaus auch als Sauerstoffreduktionsmittel. Doch Politik und Klima verlangen nach sauberen Produktionsverfahren. Um den Schadstoffausstoß in der Stahlproduktion zu reduzieren, sollen Hochöfen deshalb künftig nur noch mit Wasserstoff anstelle von kohlestoffhaltigem Koks beheizt werden.

Grüner Stahl braucht grünen Wasserstoff

Wasserstoff – so lautet der Name des Hoffnungsträgers von Politik und Stahlindustrie. Die großen Vorteile dieses Gases bestehen darin, dass es sowohl CO2-neutral produziert als auch verbrannt werden kann – in solchen Fällen ist von grünem Wasserstoff die Rede.

Doch es gibt ein Problem: Noch ist die Energiewende in Deutschland nicht weit genug fortgeschritten, um grünen Wasserstoff im großen Stil zu erzeugen. Werden bei der Wasserstoff-Produktion fossile Energieträger genutzt, wird die von der Stahlindustrie verursachte Umweltbelastung jedoch lediglich verlagert, das Klima keineswegs effektiv geschützt.

Umstieg ohne staatliche Unterstützung nicht zu stemmen

Der Umstieg auf klimafreundliche Produktionsverfahren ist ein teures Vorhaben. Denn für die neue Produktionstechnik muss erst die nötige Infrastruktur geschaffen werden. Experten beziffern die zu erwartenden Kosten mit rund 35 Milliarden Euro. Allein der Stahlriese ThyssenKrupp rechnet eigenen Angaben zufolge mit einem Investitionsbedarf von 10 Milliarden Euro, Salzgitter mit drei Milliarden.

Ohne staatliche Unterstützung ist der Umstieg auf Wasserstoff für die Hersteller daher nicht zu stemmen. Der Staat hat jedoch bereits Hilfe zugesichert. Wirtschaftsminister Altmaier kündigte nach einem Treffen mit der IG Metall an, dass es in den Jahren 2022 bis 2024 mindestens 5 Milliarden Euro an Fördergeldern geben werde und stellte zugleich weitere Finanzunterstützung für die nächsten 30 Jahre in Aussicht.

Langjährige Unterstützung wird laut den Branchenvertretern auch notwendig sein. Vor allem, da die hohen Investitionskosten nur der Anfang sind. So werden etwa die laufenden Kosten steigen, insbesondere, da die Stahlproduktion mit Wasserstoff deutlich teurer kommt als die konventionelle Kohle-Methode.

Grüner Stahl ist nur bedingt wettbewerbsfähig

Dass die Implementierung von klimafreundlichen Produktionsverfahren in der Industrie einen Preis hat, ist bekannt. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels mangelt es jedoch an Alternativen. Insbesondere mit Blick auf Chinas aggressiver Handelspolitik stellt sich somit die Frage: Wie wettbewerbsfähig ist der grüne, aber teure Stahl?

Schätzungen zufolge wird grüner Stahl etwa 30 bis 40 % teurer sein als Stahl aus Staaten mit weniger strengen Klimaauflagen. Für die hiesigen Produzenten bedeutet das einen Wettbewerbsnachteil. Wie mit den Mehrkosten der umweltschonenden Stahlproduktion und der damit verbundenen Preissteigerung umgegangen werden soll, steht noch zur Diskussion.

Das Bundeswirtschaftsministerium sieht etwa den Aufbau eines „internationalen Klimaclubs“ vor, dessen Mitglieder sich auf einen Mindestpreis für CO2-Emissionen einigen und sich somit gegenseitig absichern. Auf EU-Ebene wird währenddessen über eine Grenzsteuer beziehungsweise eine „Klimaabgabe“ diskutiert – Kritiker befürchten allerdings, auf diese Weise Handelskonflikte zu provozieren.

EU-Kommission: Der Technologiewandel ist eine Chance

Die EU-Kommission und Kommissionschefin Ursula von der Leyen betonen, dass im stahlindustriellen Technologiewandel ökonomische Chancen bestehen – wie etwa die Möglichkeit, die europäische Industrie und Wirtschaft zu modernisieren und die Technologieführerschaft zu übernehmen. Aus diesem Grund wird auch die EU in den kommenden Jahren hunderte Millionen Euro für die europäische Stahlindustrie mobilisieren, so Von der Leyen.

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Ausgabe 03/2021